Karen-Susan Fessel hat geschafft,
wovon viele andere träumen: sie hat sich ihren Lebenstraum
verwirklicht. Monika Richrath (lespress) unterhielt
sich mit der in Berlin lebenden Schriftstellerin
im November 1999.
Kannst du kurz deinen schriftstellerische
Karriere umreißen?
Es ist immer mein Wunsch gewesen,
seit ich ungefähr fünf war, nichts anderes
zu tun, als schreiben. Das habe ich dann mehr oder minder
zielstrebig verfolgt, indem ich als Kind schon ziemlich
viel geschrieben habe und als Jugendliche auch, so die
üblichen traurigen Geschichten. Um ein bisschen
meinen Kopf zu trainieren habe ich dann studiert (Theaterwissenschaften,
Germanistik und Französisch) Das war als Vorbereitung
relativ gut, weil ich im Studium gelernt habe, zu strukturieren
und längere Sachen zu schreiben.Nach dem Studium
habe ich bei der Post gearbeitet und nebenbei ein Jahr
lang an meinen ersten Roman geschrieben, der 1992 fertig
war. Den habe ich an elf Verlage geschickt. Ich hatte
das große Glück, dass sich drei davon positiv
äußerten. 1994 ist im Konkursbuchverlag "Und
abends mit Beleuchtung" erschienen. Danach habe
ich "Heuchelmund", "Bilder von ihr",
"Sirib meine Königin", "Was ich
Moira nicht sage", sowie zwei Sachbücher und
ein Kinderbuch veröffentlicht.
Das ist eine lange Latte, aber du
lebst nicht nur vom Schreiben, oder?
Doch. Es drittelt sich so mit
Honoraren, Lesungen und Stipendien. Vorher habe ich
auch noch journalistisch gearbeitet, aber jetzt nicht
mehr. Sonst könnte ich gar nicht so viel schreiben.
Aber damit hast du schon sehr viel
erreicht ...
Ich finde auch, dass ich vom Glück
gesegnet bin. Als Kind habe ich immer gedacht, das Tollste,
was man werden kann, ist Schriftstellerin. Als ich mein
erstes Buch veröffentlicht hatte, hat meine Verlegerin
Claudia Gehrke mir gesagt, dass ich nie davon werde
leben können - das habe ich übrigens immer
wieder gehört - aber ich habe mir gedacht, wenn
ich nicht viel brauche und mich ranhalte, dann könnte
es doch klappen. Und es klappt. Meine Bücher verkaufen
sich ganz gut. Gerade ÑBilder von ihrì,
darum ist es jetzt auch noch bei Piper als Taschenbuch
erschienen.
Deinen Beitrag zu Sexperimente finde
ich ziemlich außergewöhnlich. Da drängt
sich die Vermutung auf, dass du zu Schwulen ein besonderes
Verhältnis hast?
Ich glaube nicht, dass der Beitrag
etwas über mein Verhältnis zu Schwulen aussagt.
Ich finde es eher eine Geschichte, die schriftstellerische
Qualitäten hat, weil ich mich da komplett in einen
anderen Menschen, in ein komplett anderes Sein hereinfühlen
musste.
Bedeutet das, du bewegst dich gar
nicht so sehr in schwulen Zusammenhängen?
Ich bewege mich hauptsächlich
in gemischten Zusammenhängen, aber insgesamt gemischt,
nicht nur mit Schwulen und Heteros, sondern auch bisexuellen
und transsexuellen Personen. Das finde ich auch ganz
wichtig (das kann man in Berlin auch gut leben). Mir
ist es wichtig, schwule Männer als Freunde zu haben,
auch mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wenn ich jetzt mit
Madonna reden würde, würde ich sagen: "Ich
bin ein schwuler Mann im Körper einer Frau",
aber das ist es nicht ... Dieser Beitrag für Sexperimente
hat mir viel Spass gemacht, das wollte ich schon immer
mal machen. Früher hätte ich mir nie vorstellen
können, aus einer männlichen Perspektive zu
schreiben, das hat sich allerdings geändert.
Wie waren denn die persönlichen
Reaktionen auf diesen Beitrag?
Ich bin dafür nur gelobt
worden. Komischerweise habe ich nie etwas Negatives
gehört, ich hätte schon gedacht, dass da was
kommt. Nur einmal beim Literarischen Quartett, da hat
sich - witzigerweise meine erste Verlegerin Claudia
Gehrke - ein bisschen über diesen Beitrag geärgert,
weil sie fand, dass sehr typisch war für Lesben,
die über Schwule schreiben, es geht um S/M, und
zweitens sind alles Prachtkerle mit riesigen Schwänzen
mit knallblauen Augen. Da hat sie natürlich recht,
das sind ja auch Klischees. Ich glaube, wenn ich ein
schwuler Mann wäre, dann wäre ich so ein Typ
und von daher kann ich mich da schon ganz gut zurechtfinden.
Haben die Schwulen sich in dem Beitrag
wiedergefunden?
Ich habe den Text ein paar schwulen
Männern gegeben, ohne dass sie wussten, von wem er ist
und die wären alle nicht darauf gekommen, dass dieser
Text von einer Frau kommen könnte. Die fanden das auch
geil, alle haben mich relativ erstaunt gefragt, wie
das kommt, dass ich in der männlichen Sexualitlät so
gut Bescheid wüßte, aber wie soll ich das erklären?
Ich habe mich natürlich gedanklich damit beschäftigt,
aber ich habe nicht - wie man vielleicht denken könnte
- lauter Schwulenpornos angeguckt. Ich will nicht verhehlen,
dass ich bei gewissen Gelegenheiten auch gerne in eine
männliche Rolle hineinschlüpfe und daran meine Freude
habe, von daher ist das nicht ganz so fern für mich.
Auf diesem Gebiet würde es sich auch lohnen weiterzuarbeiten.
Was ich erstaunlich finde an diesem Beispiel ist schon
die Tatsache, dass es in einer Schwulengeschichte viel
einfacher über S/M und Macht-Dominanz-Sachen zu schreiben
ist, als wenn es zwei Lesben machen, dann würden die
meisten wahrscheinlich gleich zuviel kriegen. Ein Roman,
der von solchen Protagonistinnen handeln würde, wäre
wohl sehr viel schwieriger zu verkaufen und würde mir
wahrscheinlich Probleme bereiten. Aber vielleicht ist
das ja auch nicht mehr so. Ich hatte mir ja auch gedacht,
dass ich auf den Sexperimente-Beitrag komische Resonanzen
bekommen würde.Es ist aber auch nicht unbedingt mein
Anliegen, den wahnsinnigen Sexroman zu schreiben. Ich
habe so viel mit Sex und erotischen Geschichten gemacht,
das mir das im Moment, ehrlich gesagt, zum Halse raushängt.
Ich denke, ich werde da jetzt eine Pause haben. Vielleicht
interessiert mich das hinterher wieder als Hauptthema.
Die Zeiten ändern sich ja wirklich. Als ich "Heuchelmund"
geschrieben habe (eine eher zufällige Ansammlung von
erotischen Geschichten, aus der sich dann das Buch entwickelt
hat), da kamen nur vereinzelt erotische Bücher für Lesben
heraus, jetzt ist das ziemlich weit verbreitet. Es gibt
in jedem großen Verlag mittlerweile Taschenbuchausgaben
mit erotische Geschichten, und immer gibt es einen Alibi-Lesbentext.
Ich habe dieses Jahr einige Anfragen gehabt, denen ich
nicht allen zugesagt habe. Irgendwann wiederholt man
sich auch, das bleibt einfach nicht aus, da muss man
Abstand nehmen, um sich etwas Neues ausdenken zu können.
Wenn Sex in Büchern eine Rolle spielt, wird das automatisch
so hochgejubelt. In "Bilder von ihr" habe
ich das sehr bewusst rausgelassen, es gibt nur eine
Sexszene, das war mir wichtig.
Das ist mir überhaupt nicht
aufgefallen ...
Ich glaube, das fällt auch
nicht auf. Ich denke, es braucht auch nicht Sex, um
erotische Spannung zu zeigen. Ich glaube trotzdem, dass
die LeserInnen das Gefühl haben, dass zwischen
den beiden Hauptpersonen eine starke sexuelle Lust herrscht,
ohne dass diese beschrieben wird.
Wäre Suzannah eine Wunschpartnerin
für dich?
Ja, das hatte ich schon in meinem Kopf.
95/96 habe ich das Buch geschrieben, drei Jahre haben
die Vorarbeiten gedauert, aber die Idee zu diesem Thema
hatte ich seit 10 Jahren im Kopf. Ich brauchte sehr
lange Zeit, um die Personen auszufeilen und habe das
auch unheimlich genossen, mir immer wieder diese Suzannah
und die Situationen vorzustellen und auszumalen über
Jahre hinweg. Von meinem Gefühl her ist sie tatsächlich
eine Art Traumfrau, das war dann auch richtig traurig,
das Buch zu Ende zu schreiben zu müssen und sie
dadurch als Person- Phantasie-Traumfrau zu verlieren.
Jetzt träumst du nicht mehr von
ihr?
Nein, das hat sich verändert.Es
ist nicht nur so, dass ich mir Suzannah als Traumfrau
vorstellte, sondern sie ist gleichzeitig ein Spiegel
meines eigenen Ichs in einer ferneren Zukunft. Es sind
Splitter, die sich zu dieser Figur zusammengefügt
haben.Der Roman hatte mit Sicherheit auch mit Träumen
von mir selbst, was mir selbst später passieren
könnte, zu tun. Ich habe im Grunde das beschrieben,
wovor ich mich am allermeisten fürchten würde,
dass man sich jemandem wirklich zuwendet und dann diesen
Menschen verliert. Was ich mich immer gefragt habe,
während ich an diesem Buch schrieb, war, wie es
Menschen geht, wenn eine wirkich funktionierende Beziehung
nach langer Zeit auf so eine Art und Weise zerbricht.
Ich finde es immer wieder unglaublich, dass Menschen
dann weiterleben können und wie sie das tun.
Was sagen deine Eltern zu deinen
Büchern?
Ich denke, dass sie sich auch
gefreut hätten, wenn ich was anderes mache, aber
weil sie einfach wussten, dass ich das von Anfang an
machen wollte, war es für meine Eltern toll, dass
ich es tatsächlich geschafft habe. Was ganz süß
dabei ist, ist, dass meine Mutter meinem Vater zum Einschlafen
immer aus "Heuchelmund" vorgelesen hat, was
ja nun erotische Texte sind.Mein Vater hat da immer
herzhaft drüber gelacht, er fand immer, dass ich
viel Phantasie habe. Es ist schon ein bisschen peinlich,
wenn die Eltern die eigenen erotischen Texte als Einschlaflektüre
lesen! Meine letzten Bücher konnte mein Vater nicht
mehr lesen, weil er sehr krank war. Meine Mutter hat
früher in der Kleinstadt, wo ich herkomme, in einer
Buchhandlung gearbeitet, da durften meine Bücher
aber nicht verkauft werden, weil die zu anstössig
waren. Es ist mir bis jetzt auch noch nicht gelungen,
eine Lesung in meiner Heimatstadt zu halten. Nun habe
ich aber ein Kinderbuch im Oettinger Verlag veröffentlicht,
ein sehr renommierter Verlag, da wird es dann wohl auch
mal mit der Lesung klappen.
Das wäre dann ein Erfolg für
dich?
Ja, auch, weil in diesem Buch
eine schwule Figur eine sehr wichtige Rolle spielt.
Es gibt ein Mädchen, was vom Tod seiner Mutter
erzählt, die an Krebs gestorben ist. Es gibt einen
schwulen Ziehonkel, der das Mädchen durch diese
harte Zeit begleitet. Auf diese Weise werde ich dann
doch das Thema Homosexualität meiner Heimatstadt
nahebringen! Ich finde, meine Mutter hat das in der
Kleinstadt doch erstaunlich gut hingekriegt. Mittlerweile
wissen sehr viele Leute, dass ich Schriftstellerin bin
und es wissen auch viele Leute, worüber ich schreibe.
Meine Mutter hat da viel Aufklärungsarbeit geleistet.
Aber die Leute sind ohnehin toleranter als man so denkt,
Frauen jedenfalls oft. Ich habe mal eine Lesung gehabt
vor einem evangelischen Landfrauenverein, ca. 50 Frauen,
die meisten davon zwischen 65 und 75, die waren sehr
interessiert und haben sehr viel nachgefragt. Das war
eine meiner schönsten Lesungen. Da sieht man, dass
es sich doch viel besser transportieren lässt als
man denkt. Es muss nur einfach ein Weg gefunden werden,
das nahezubringen. Und Lesungen sind natürlich
ein toller Rahmen.
Ist in so einem Rahmen schon mal
eine auf dich zugekommen, weil sie deine Texte für
bare Münze genommen hat?
Ja, es gibt überall Personen,
die was missverstehen. Bei Lesungen sehe ich relativ
oft ins Publikum, was fatal sein kann, es ist mir schon
mal passiert, dass jemand dachte, er hat jetzt quasi
mit mir eine Beziehung, das kann einem aber immer passieren.
Es ist eher erstaunlich, wie wenig Anträge man
bekommt. Ich hatte im Juni eine Podiumsdiskussion zum
CSD, da hatte ich im Publikum Leute gesehen, die ich
von früher kannte, hinterher habe ich mich noch
kurz mit den anderen Diskussionsteilnehmern unterhalten
und als ich mich umdrehte, waren alle weg. Das fand
ich merkwürdig, dass meine ehemaligen Bekannten
wahrscheinlich dachten, sie können mich jetzt nicht
mehr ansprechen, weil ich so bekannt geworden bin. Es
gibt so ein paar, die sich massiv aufdrängen, das
ist komisch, aber wenn einen keiner mehr anspricht,
ist es auch seltsam. Es ist wahrscheinlich schwierig
ein Mittelmaß zu finden. Ich habe auf "Bilder
von ihr" bestimmt an die 70 Briefe bekommen, worüber
ich mich unheimlich. Aber es gibt auch da Frauen, wo
ich den Eindruck habe, die sitzen in Deutschland irgendwo
in einer Stadt, fürchterlich vereinsamt und haben
das Gefühl, dass sie mich jetz in- und auswendig
kennen, weil sie komplett verwechseln, was ich geschrieben
habe und wie ich selber bin. Ich denke, dass die meisten
sich denken, dass ich Thea bin und sie wollen Suzannah
sein. Es gibt da sehr hartnäckige Fälle, die
immer wieder darauf beharren, dass ich ja doch Thea
sei. Die können das nicht trennen. Also, wenn man
mit einer Schriftstellerin befreundet ist, dann brauch
man immer ein hohes Abstraktionsvermögen, das ist
schon schwierig, weil natürlich immer etwas darin
verwoben ist, von dem was ich denke und tue.
Ist es unter diesen Umständen
denn schwierig, Freundinnen zu finden?
Ich weiß schon, dass viele
mich erkennen. Es ist mir tatsächlich schon einige
Male passiert, dass ich angestarrt werde, da habe ich
mich dran gewöhnt. Ich versuche immer mir einzubilden,
dass das daran liegt, dass ich so toll aussehe. Aber
ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass ich Frauen
kennenlerne, die dann in mir die Schriftstellerin sehen.
Ich habe da keine Probleme mit, das gehört ja auch
untrennbar zu mir. Ich möchte natürlich auch
gut gefunden werden aufgrund dessen, was ich tue. Das
prägt mein ganzes Leben. Das bedeutet einfach,
dass ich unglaublich viel Freiraum für mich brauche,
unheimlich viel Zeit, dass ich sehr streng und diszipliniert
bin für mich und dass ich anderen Menschen eigentlich
sehr wenig Platz einräume. Das ist für die
Menschen, die mit mir zu tun haben oder auch für
Geliebte ziemlich anstrengend, die müssen unheimlich
viel zurückstecken.
Hast du feste Schreibzeiten?
Nein, ich bin eher wechselhaft.
Ich arbeite in Phasen ganz viel und pausiere zwischendurch.
Es hat sich so entwickelt, das ich mittlerweile auch
drauf angewiesen bin, Stipendien außerhalb zu
haben, weil ich in Berlin schlechter arbeiten kann,
weil mich da doch sehr viel ablenkt. Ich brauche, wenn
ich schreibe, richtig Ruhe für mehrere Tage, alleine
das ist schon schwierig für andere Menschen. Ich
kann nicht so ein geregeltes Leben leben, ich habe keinen
Alltag in dem Sinne und habe nie das Gefühl, dass
ich jetzt zur Ruhe komme. Deshalb habe ich ganz oft
auch leider das Gefühl, dass andere Menschen mir
Platz wegnehmen, Zeit stehlen, das entwickelt sich gelegentlich
zu einer Manie, dann werde ich giftig. Das ist schwierig.
Und leider habe ich das Gefühl, dass sich das verstärkt.
Manchmal muss ich einfach weg, da bin ich dann ein paar
Monate auf dem Lande , wenn ich dann wieder komme, habe
ich schon Ruhe. Allerdings richtig Ruhe habe ich nie,
weil ich auch nie Pause mache. Das finde ich schwierig
beim Schreiben für mich, dass ich das Gefühl
habe, dass ich nicht abschalten kann, dass ich das immer
mit mir herumtrage. Wenn ich an etwas arbeite, dann
bin ich ganz unleidlich, weil ich immer so einen immensen
Druck verspüre, der erst nachlässt, wenn ich
wirklich fertig bin. Dann naht aber schon das Nächste...
Jetzt habe ich gerade mein erstes Buch für Jugendliche
fertig, das muss aber noch überarbeitet werden
und fange im November einen neuen Roman an, also habe
ich quasi jetzt ein bisschen Luft, aber nicht wirklich.
In dieser Zeit habe ich natürlich auch viele Lesungen
und bin sehr viel unterwegs.
Wünscht du dir manchmal ein
anders, ein geregeltes Leben?
Nein, ich wünsche mir höchstens,
dass ich in die Art des Schreibens eine Regelmässigkeit
bringen könnte., also dass ich nicht bis zur Erschöpfung
schreibe und dann völlig ausgepumpt bin, so dass
ich ein paar Wochen pausieren muss.Leider funktioniert
das einfach nicht. Ich würde mir wünschen,
mich nicht ständig so unter Druck zu fühlen.
Aber sonst möchte ich für mein Leben nichts
anderes tun als das, was ich tue. Ich hoffe, dass ich
mein Leben lang weitermachen kann, da bin ich glücklich
mit.
mit freundlicher Genehmigung von
lespress-das
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