Ich (Aly Machaliky)habe die Berliner
Autorin Karen-Susan Fessel anläßlich ihrer
Wien-Lesung getroffen. Und mit ihr über Inspiration,
(Sex-) Geschichten und den schwulesbischen backlash
geplaudert.
XTRA!: Bei deinen Geschichten fällt auf, dass die ProtagonistInnen zum einen nicht notwendigerweise lesbisch (oder schwul) sind und zum anderen die sexuelle Ausrichtung nicht das bestimmende Thema ist, sondern dass da halt Lesben und Schwule usw. vorkommen, die aber auch – und vor allem – ein interessantes Leben leben. Ich finde das schön! Das hat direkt was Emanzipatorisches.
Karen-Susan Fessel: (lacht) Ach das freut mich jetzt. So ist es ja auch gemeint. Mir geht’s ja nicht um Coming-out-Geschichten, außer bei dem Jugendbuch, was ich jetzt mache. Eigentlich geht’s mir darum zu zeigen, dass Leute eben ein interessantes Leben haben oder was sie erleben, und die sind eben schwul oder lesbisch. Und das spielt zwar ’ne Rolle – es hat ja auch immer einen Einfluß auf die Weltsicht wie man lebt. Bei "Und abends mit Beleuchtung" da wollt ich so’n Miteinander von allen möglichen Leuten, die eben zusammen was erleben, zeigen. Das fand ich am wichtigsten bei diesem Buch. Und da fand ich das auch wichtig, dass die schwul oder lesbisch sind.
Eigentlich ist es doch befremdlich, dass lesbische Literatur
auf zwei Kernbereiche abonniert ist: die klassische "Frau
trifft Frau-Lovestory" oder wilde Sexgeschichten. Im Leben
differenzierter Figuren ist doch für viel mehr Platz.
Deine Geschichten sind ja nun so schön bunt, warum reduzieren
(sich) andere Autorinnen deiner Meinung nach so sehr?
Es hat sicher auch damit zu tun, dass jene Bücher, wo
Sex so zentral ist, oft Erstlingswerke sind. Und damit,
dass gerade lesbische Autorinnen oft damit anfangen,
dass sie über Liebe und Sex schreiben, gerne auch mittlerweile
über Erotik. Und von da sich hoffentlich weiterentwickeln,
sodass sie andere Themen zentraler empfinden. So war
das ja für mich auch. Das ist eine Entwicklung. So wie
Anfangsbücher ganz oft auch sehr autobiografisch sind
und irgendwann geht man dann davon weg. Ich denke, das
hat auch mit dem Alter zu tun. Ich meine, wenn du mit
Anfang zwanzig – macht ja kaum jemand, dass er dann Bücher
schreibt – aber wenn du relativ jung bist, ist das natürlich
noch viel zentraler, als wenn du länger lebst und andere
Sachen für dich auch wichtiger werden. Wenn man schon
ein gewisses Pensum erledigt hat an Sex und Erotik.
Und es ist natürlich eine Bewußtseinseinstellung. Es
gibt halt Autorinnen, die finden, dass das zentrale Thema
ist – und das prägt ihr Leben auch zentral. Das mag
sein. Das ist für mich halt nicht so.
Hast du eigentlich jemals daran
gedacht, wenn ich jetzt anders schreibe oder über
andere Themen, dann werde ich leichter verlegt?
Nö. Im Gegenteil. Ich werde viel leichter verlegt,
wenn ich eher schwulesbisch schreibe. Mittlerweile.
Das ist immer auch eine Frage der Anerkennung. In welchen
Kreisen man anerkannt wird und in welchen nicht. In
der allgemeinen Literaturszene bin ich auf keinen Fall
so anerkannt. Da gelten Bücher, wo nicht nur unbedingt
die schwulesbsichen Inhalte so zentral sind, sondern
Bücher, die hauptsächlich von Schwulen und
Lesben gekauft werden als mindere Ware. Das ist einfach
so. Da ist es schnurzpiepegal, wie das Buch nun selber
ist oder ob dieses Thema gar nicht so zentral behandelt
wird. Wenn das irgendwie in diesen Rahmen reinkommt,
dann bleibt es automatisch da drinnen. Als ich selber
noch als Journalistin gearbeitet und Bücher rezensiert
habe, war es üblich, wenn im Klappentext stand,
es geht z.B. um einen bluterkranken Mann und dessen
Werdegang und ganz am Rande wird noch erwähnt,
dass er schwul ist – was fürs Buch aber keine
Rolle spielte, weil es eigentlich um die Auseinandersetzung
mit Sterben geht. So ein Buch wurde dann abgelehnt,
weil es angeblich ein Schwulenbuch wäre. Das ist
bei Lesbenbüchern auch so. dass sie entweder
gerade deswegen gekauft, rezensiert oder verlegt werden,
weil halt was Lesbisches drin ist oder eben auch nicht.
Das ist immer noch zu extrem in jeder Hinsicht. Und
da möchte ich gerne hin, dass das alles normaler
und geläufiger wird. Und wenn ich ein Buch mache
über Trauer oder Tod oder ein lustiges Buch, dann
möchte ich, dass es als lustiges Buch gesehen
wird und nicht als lustiges lesbisches Buch. Es sei
denn, ich will das so und zentriere meine Charaktere
auch so. Und ich finde auch "Bilder von ihr"
ist zwar natürlich irgendwie ein lesbisches Buch,
weil die beiden Hauptfiguren lesbisch sind und weil
es sich auch drum rankt irgendwie, aber ich finde halt,
dass es in erster Linie um die Auseinandersetzung
mit Trauer geht. Das finde ich viel wichtiger, als das
Element, dass das eine lesbische Beziehung ist.
Du bist ein sehr politischer Mensch.
Wo steht die schwulesbische Bewegung im Moment? Gibt
es einen backlash – Stichwort: Jetzt wollen auch Schwule
und Lesben nur mehr Spaß haben, werden als potente
Zielgruppe entdeckt und in jeder Sitcom tauchen Quoten-Schwulen
und Lesben auf … und überhaupt – sollten Lesben
deiner Meinung nach (mehr) mit Schwulen zusammenarbeiten?
Gibt es Bereiche, wo sie es nicht sollten?
Ich finde das schon wichtig. Ja. Allerdings kann man
ja eben nicht alles zusammenmachen. Es gibt einfach
Unterschiede zwischen den schwulen und lesbischen Befindlichkeiten.
Da kann man einfach nicht drumrum. Schwule sind weitaus
besser gestellt als Lesben. Das ist ’ne Tatsache. Und
viel weiter letztendlich in ihrer Emanzipation. Schwule
müssen sich eben nicht auch noch als Frauen durchschlagen.
Mir fällt jetzt auf Anhieb nichts ein, wo die Schwulen
und Lesben getrennt arbeiten sollten. Aber ich finde
generell, dass die Schwulen die Lesben mehr unterstützen
könnten. Da die Lesben ja andersrum schon sehr
viel mehr getan haben. Denn die Schwulenbewegung finde
ich, ruht sich da irgendwie auf der Frauen- und Lesbenbewegung
aus und was die Situation von AIDS angeht, war es so,
dass Lesben unheimlich viel geholfen haben. Und
dass ich schon finde, dass die Schwulen dazu
neigen, die Lesben links liegen zu lassen. Da könnten
sie weitaus mehr tun.
Also tatsächlich: Abcashen,
Funschwule, Quotenlesben und Co.?
Ja total.
… und Homoehe …
Also, ich halt auch nicht die Bohne von der Homoehe.
Aber das ist halt meine persönliche Meinung. Ich
hab in meinem Leben noch nie irgend’ne Frau getroffen,
die ich hätte heiraten wollen. Und ich würd’s
auch nicht tun, glaube ich. Ich bin dafür, dass
Schwule und Lesben ohne Einschränkung Kinder adoptieren
und pflegen können. Das auf jeden Fall. Sie dürfen
auch alle gerne Familien bilden. Mir ist das wurscht,
letztendlich. Es ist halt nun mal nicht mein Ding. Aber
irgendwie finde ich, dass es für die Schwulen
hier nichts mehr zu erkämpfen gibt (Das gilt nicht
für Österreich: Hierzulande gibt es z.B. noch
den § 209 Strafgesetzbuch! Anm. d. Interviewerin),
außer, dass sie jetzt heiraten wollen. Das
ist vielleicht das letzte, was sie noch gerne wollen.
Weil sonst ist ja schon alles erreicht. Und da sieht’s
bei den Lesben wirklich anders aus. Da ist noch lange
nicht alles erreicht. Generell finde ich schon, dass
die Tendenz dahingeht, Fun und Spaß und Christopher-Street-Day
ist irgendwie ein einziger Joke geworden. Ich finde,
dass dort politische Inhalte eh kein Schwein mehr
interessieren. Alle politischen Räume – und damit
meine ich auch kulturellen Räume und Kulturarbeit
– sind total geschrumpft, ins Abseits geraten, existieren
einfach nicht mehr. Und das finde ich extrem schade.
In der kulturellen Geschichte haben Schwule und Lesben
unheimlich viel getan, das ist einfach so, auf der ganzen
Welt ist die kulturellen und soziale Entwicklung nicht
ohne Schwule und Lesben gegangen. Und jetzt hört
das langsam irgendwie so auf, finde ich. Jetzt ist das
alles so unwichtig. Ist eh alles gemischt, völlig
wurscht, und jetzt geht’s nur mehr darum, wer die lustigsten
Parties veranstaltet, wer die geilste Sexparties hinlegt
und das war’s dann irgendwie.
Ich habe in einem Interview mit
dir gelesen, dass es für dich ganz wichtig
ist, nicht zu autobiographisch zu werden…
Wenn ich jetzt sehr viel über mich schreibe oder
sehr dicht an mir dran bleibe, glaube ich auch, dass
meine Bücher nicht so gut werden. Ich glaube, dass
ich besser schreibe, je weiter ich von mir weggehen
kann. Mir geht’s um die Fähigkeit, mir ’ne eigene
Distanz aufzubauen zu mir selber und zu dem, was ich
mache, weil mein Leben ist begrenzt, und alles was ich
denke und tue ist auch begrenzt. Das ist einfach so.
Das ist eine Dimension, über die ich gerne hinaus
will. Ich will ja nicht mit meiner Arbeit mich selber
beschreiben. Ich will ganz andere Dinge (auf)zeigen.
Ich merke das ja auch bei Autoren, die ich persönlich
kenne, wo ich in deren Werken immer sie selber so stark
wiedererkenne… Es gibt auch eine Tendenz in der jungen
amerikanischen Literatur, dass die meisten Erstlingswerke
eben oft von jungen, relativ erfolglosen unbekannten
Schriftstellern handeln, die dann irgendwelche Wandlungen
durchmachen. Und irgendwie kann ich das alles einfach
nicht mehr sehen, weil ich finde, dass sich das
so in das Eigene verrankt. Und so wichtig ist das Eigene
nun auch wieder nicht, dass man da wirklich immer
irgendwie über sich selber schreiben könnte.
Ich finde halt wirklich, die besten Sachen entstehen,
wenn die sowohl bei mir selber bleiben, also wenn ich
natürlich mein ganzes Gefühl und meine Intensität
da reinlege, aber wenn ich auch weggehen kann, wenn
die Figuren ganz anders denken, als ich das z.B. tue.
So ist das auch bei der Titelgeschichte von "Heuchelmund",
die ist mir – glaube ich – deswegen so gut gelungen,
weil die sehr weit von mir weg ist. Die erzählende
Person sagt Dinge, die ich selber nicht denke, und trotzdem
habe ich sie durchlebt. Das bedeutet, dass ich
mich sehr stark in eine andere Person einleben kann,
und das ist für mich halt das Kriterium. Wenn ich
das nicht tue, wenn ich nur bei mir bleib und mich selber
nur so’n bißchen ummodel oder in ’ne andere Person
hineinmodifiziere, dann finde ich das einfach schwach
– auf Dauer gesehen. Das kann einmal funktionieren oder
zweimal, aber auf Dauer ist das einfach nichts. Jemand,
der nur über sich selber schreibt, ist für
mich meines Erachtens auch kein Schriftsteller. Weil
du kannst ja nicht ewig über dich selbst schreiben.
Kann man natürlich schon, aber was ist das? Eigentlich
besteht doch der Beruf des Schriftstellers auch daraus,
dass man sich als Schriftsteller in eine andere
Figur reinfühlt – in andere Menschen, andere Denkensarten.
Und wenn man das kann, also je unterschiedlicher die
Personen von einem selbst sind, desto lebendiger kann
ich auch schreiben. Weil ich dann weggehen kann von
mir, und gleichzeitig bin ich ja bei mir. Ich finde
das ein wichtiges Kriterium. Und ich finde immer über
sich selber zu schreiben, ist für einen Schriftsteller
ein Armutszeugnis.
Aber ganz ohne Inspiration aus dem
persönlichen Leben geht’s beim Personal ja dann
doch nicht, oder?
Ja, ich kann das dann manchmal auch nicht unterschieden,
was jetzt ganz Phantasie ist und was nicht. Es gibt
Figuren, wo ich weiß, dass die zu absolut
100 Prozent erfunden sind, dass mich da nichts
erinnert an irgendjemanden, dass ich mir das wirklich
komplett ausgedacht hab. Aber überall fließen
Sachen mitrein. Von dem, was ich sehe oder was ich mir
merke. Und wenn ich Figuren entwickle, dann sind da
natürlich auch erlebte Dinge mitdrin. Ich glaub,
das ginge auch nicht, das so komplett abzutrennen, z.B.
bei "Bilder von ihr". Die Susanna ist komplett
ausgedacht, da gibt es keine reale Anlehnung, und trotzdem
könnte ich nicht bestreiten, dass da z.B.
meine eigenen Dinge hineingegangen sind. Was ich mir
wünsche, und damit ist es natürlich auch wieder
’ne erlebte Basis. Aber ich verwurste niemals wirklich
direkte Erlebnisse, außer bei der "Kohlenhändlergeschichte",
die ich vorgelesen habe. Da habe ich tatsächlich
mal was ein wenig nacherzählen wollen. Also die
Idee oder den Kohlenhändler als Typus, das ist
schon ein bißchen angelehnt an die Realität.
Aber sonst erzähl ich eigentlich nie etwas nach.
Weil ich finde eigentlich, das sind Sachen, die sind
ja schon passiert. Warum soll ich das nochmal erzählen?
Deswegen hasse ich das auch so, wenn Leute zu mir sagen:
Das wär doch mal ’n Thema für ’ne Geschichte.
Weil das sind einfach Dinge, die sind gewesen. Das war
schon. Und ich will ja nicht das was war nacherzählen.
Ich will ja meine eigenen Sachen erzählen.