Die Monatsbotin Dezember 2022 // Notizen aus dem vierten Stock

Hier kommt die hundertvierte Ausgabe der Monatsbotin von Karen-Susan Fessel – mit Notizen, Gedanken und Terminen vom Schreibtisch aus dem vierten Stock in Berlin-Kreuzberg!

Wem sie gefällt: liebend gern weiterempfehlen! Eine kurze Mail mit dem Hinweis „Monatsbotin gewünscht“ an kontakt@karen-susan-fessel.de – und schon liegt sie Monat für Monat im virtuellen Briefkasten … Wer lieber Ruhe wünscht, desgleichen!

Viel Spaß beim Lesen wünscht Karen-Susan Fessel!

Was war?

Zuerst einmal begann dann doch die Heizperiode, allerdings in höchst eingeschränktem Maße. Kein Wunder, wurde uns doch eine Erhöhung der Gas- und Stromabschläge ab Januar um das Dreifache angekündigt. Im Arbeitszimmer im vierten Stock trage ich jetzt also gern mal Fingerstulpen und einen Wollponcho, der wirklich gut warmhält. Und warme Gedanken mache ich mir ja sowieso … Zum Beispiel, indem ich mich auf meine Kurzreise nach Lappland Ende Januar freue, die ich überraschenderweise mit einer Lesereise in die Schweiz verbinden kann. A propos Lesereise in die Schweiz – die für die vorletzte Novemberwoche Reise nach Luzern musste ich leider, leider absagen; denn während meiner höchst erfreulichen Lesereise zur Göttinger Kinder- und Jugendbuchwoche ereilte mich dann doch ein höchst böser und hartnäckiger grippaler Infekt, der mir die letzten beiden Tage ziemlich vermieste und mich nach meiner Rückkehr nach Berlin sofort in die Waagerechte zwang. Noch immer habe ich mich nicht ganz davon erholt, aber da ergeht es mir wie Zigtausenden anderen, die sich nach zwei nahezu erkältungsfreien Wintern jetzt üble Infektionen und Grippeerkrankungen einfangen.

Jedenfalls haben mir die von der GEW Niedersachsen bestens organisierten Lesungen vom 14. bis 18. November in Einbeck-Greene, Duderstadt, Northeim und Göttingen ausnehmend gut gefallen.  In der HRS Kreiensen in Greene wurde mir nebst einer liebevoll gestalteten Collage sogar ein phänomenaler Präsentkorb überreicht, über den ich immer noch staune!

..und überreichen mir hinterher einen Korb voller Einbecker Köstlichkeiten!

Sechstklässler in der HRS Kreiensen lauschen interessiert …

Vor meiner Reise nach Göttingen hatte ich am 8. November noch Gelegenheit, meine Lesung im Berliner Theater Morgenstern nachzuholen, die ich im September krankheitsbedingt hatte absagen müssen. Eine rege 9. Klasse hatte, gut vorbereitet von den dortigen Theaterpädagogen, sichtlich Spaß an Manne aus „Und wenn schon!“ und Co., und das Theater selbst, im Rathaus Friedenau angesiedelt, beeindruckte mich wiederum mit seiner architektonischen Pracht. Ein Vergnügen! 

Nebst den Lesungen und der Arbeit am neuen Buch widmete ich mich im November noch dem Endlektorat meines dritten Co-Autorinnen-Projekts, der Biografie einer bekannten deutschen Rocksängerin, die im kommenden Jahr erscheinen wird. Dann werde ich auch das Geheimnis, um wen es sich handelt, lüften.

Das zweite Co-Autorinnen-Buch ist soeben erschienen, aber da die illustre Filmemacher-Persönlichkeit, unter deren Namen es erschienen ist, doch eher damit hinter dem Berg hält, mache ich das auch … vielleicht entdeckt ja jemand zufällig, um welches Werk es sich handelt, denn mein Name steht im Impressum. Wer mir den Titel des Werkes und die Art der Tätigkeit, unter der ich dort vermerkt bin, unter meiner Mailadresse kontakt@karen-susan-fessel.de mitteilt, der bekommt ein signiertes Exemplar eines meiner Werke, je nach Vorrat und Absprache … ich bin gespannt!

Und natürlich liefen meine beiden Online-Schreibwerkstätten im November auch weiter, zum einen der siebenwöchige Schreibworkshop für den Verein JES NRW e.V., der Interessenvertretung für Drogen Substanzen (das habe ich jetzt gelernt!) gebrauchende Menschen, Ehemalige und Substituierte, der allerdings nun leider beendet ist, zum anderen die sehr rege angenommene Neuauflage des sechswöchigen Online-Workshop, den ich für die Aids-Hilfe NRW e.V. anbieten darf und der mir wieder ungemein viel Spaß macht. 

Und was kommt?

Nebst dem letztgenannten Workshop stehen in meinem Lieblingsmonat noch drei Veranstaltungen an: am 12. lese ich beim Lesefest der Berliner Johanna-Eck-Schule aus „Blindfisch“, am folgenden Tag wiederum für die Achtklässler des Berliner Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in der Janusz-Korczak-Bibliothek und am 20. Dezember reise ich dann nochmal nach Braunschweig, um an der dortigen Wilhelm-Bracke-Gesamtschule einen Lese- und Workshoptag für Elftklässler zu gestalten. Dann bin ich auch gerade 58 Jahre alt geworden, woran ich mich unbedingt erst noch gewöhnen muss! Dazu habe ich dann hoffentlich über die Feiertage Zeit.

Einen besinnlichen Dezemberwünscht Karen-Susan Fessel!

Online-Workshops: Der nächste Kreativ-Quickie startet am  5. Januar; Informationen und Anmeldung auch für die neuen Onlineworkshops „Mein Buch“ und „Biografisches Schreiben“ und das Einzelcoaching unter www.karen-susan-fessel.de/seminare

Ausgelesen: Camilla Grebbe und Åsa Träff: Durch Feuer und Wasser. btb, München 2019 / Von den fünf Bänden um die Polizeipsychologin Siri Bergmann, die die beiden schwedischen Schwestern zusammen verfasst haben, ist dieser eindeutig der beste. Zwei Geschwister verschwinden nacheinander aus ihren Pflegefamilien – und tauchen später auf einem Foto mit einer fremden Frau im Internet wieder auf. Siri Bergmann und ihre Ermittlerkollegen erkennen erst spät, welch infamer Zusammenhang sich hier eröffnet … In diesem spannenden Krimi stimmt nicht nur das Setting und das Personal, sondern auch die gesamte, vielschichtig angelegte Handlung. Schade, dass es vermutlich keinen weiteren Band geben wird! // Alice Schwarzer und Chantal Louis (Hg.): Transsexualität. Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? Eine Streitschrift. Kiepenheuer  Witsch, Köln 2022 // Abgesehen vom behämmerten Titel – insbesondere der beiden Fragen, auf die sich natürlich niemals eine verbindliche Antwort geben lässt – finde ich diese streitlustige Textsammlung gar nicht so verkehrt. Schwarzer und Louis haben extrem viel Schimpfe von vielen Seiten bekommen, ihnen wird Verbohrtheit, Transphobie und Unreflektiertheit vorgeworfen, was ich persönlich nicht unterschreiben kann. Natürlich ist der eine oder andere Textbeitrag in der Tat transkritisch und engstirnig, aber auch so kann man Diskussionen beflügeln und ausweiten. Wenn alle ins gleiche Horn tuten, entsteht keine Vielfalt. Interessant finde ich vor allem die älteren Textbeiträge, die noch einmal eine ganz andere, nicht immer veraltete Sicht auf Fragen der Geschlechtervielfalt bieten. Ob die von den Autorinnen gewünschte „Aufklärung“ gelingt, bezweifle ich sehr, aber Denkanstöße liefern sie mit ihrer Textsammlung durchaus. 

Unter der Lupe: Meine Werke

Nr. 3: Bilder von ihr (1996)

„Bilder von ihr“ hatte ich in Grundzügen schon im Kopf, bevor ich mich an mein erstes Buch „Und abends mit Beleuchtung“ machte. Nur traute ich mich nicht so recht an diesen schwierigen Stoff: Eine junge Frau, von Verlust- und Bindungsängsten geprägt, lernt ihre große Liebe kennen, lässt sich schließlich darauf ein und ist glücklich – und dann stirbt die andere. Thea, so heißt die Hauptfigur, flüchtet nach Paris, die Heimat ihrer großen Liebe Suzannah, und schreibt dort ihrer beider gemeinsame, aber auch ihre eigene Lebensgeschichte auf.

Alle drei Ausgaben von „Bilder von ihr“: links die Neuausgabe von 2016, rechts die Taschenbuchausgabe von 2000, in der Mitte die Erstausgabe (1996)

Liebe und Tod, die beiden großen Themen der Weltliteratur sind auch die zentralen Themen in „Bilder von ihr“. Alles in mir drängte danach, dieses Buch zu schreiben, nachdem ich mit meinen Erzählband „Heuchelmund“ fertig geworden war. Ich war bereits mittendrin, als ich mich mit Jim Baker, der die Gründung eines neuen schwullesbischen Verlages plante, traf, um ein etwaiges gemeinsames Sachbuchprojekt zu besprechen. Daraus wurde nichts, aber Jim fragte mich beiläufig, ob ich nicht eine Frau wüsste, die einen dicken lesbischen Roman in Arbeit hätte. „Ja“, sagte ich. „Ich.“ Jim und seine Mitverlegerin Ilona Bubeck lasen mein Exposé und die ersten zwanzig Seiten und waren sofort begeistert. Und so kam es, dass ich mit „Bilder von ihr“ zum neugegründeten Querverlag wechselte, in dessem zweiten Programm der Roman dann im Herbst 1996 erschien. Ein wenig haderte ich damit, den Konkursbuch Verlag und damit meine Entdeckerin Claudia Gehrke zu verlassen, aber die Platzierung in einem ausgesucht schwullesbischen Verlag sprach unbedingt für den Wechsel. Und das erwies sich als richtig, denn mit „Bilder von ihr“ gelang mir der Durchbruch in der schwullesbischen Literatur; der Roman zählt heute als Klassiker der deutschen Lesbenliteratur und wurde zum 20-jährigen Jubiläum vom Querverlag als Taschenbuch neu aufgelegt, nachdem sich die vorherige Taschenbuchausgabe des Piper-Verlages über Jahre hinweg enorm gut verkauft hatte.

Unzählige Lesungen habe ich mit diesem Roman in Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland gehalten und viel dabei gelernt, über Literatur an sich, mein Lesepublikum und den großen Wunsch der Leserschaft, nicht nur sich selbst mit den Protagonist*innen identifizieren, sondern auch mich. Unvergesslich eine Lesung im KCR Dortmund Ende der 90er Jahre, als ich aus dem vollbesetzen Publikum gefragt wurde, ob ich diese Geschichte denn selbst erlebt und somit nacherzählt habe. „Nein“, begann ich, „selbst erlebt habe ich sie glücklicherweise nicht, aber …“ Ein vielstimmiges, enttäuschtes Seufzen des Publikums unterbrach mich. Mit meinem „Nein“ hatte ich eine Illusion geraubt, die mein Publikum offenbar genossen und herbeigesehnt hatte. Seither antworte ich anders auf diese Frage, die mir immer wieder gestellt wird.

Und auch unvergesslich: eine Lesung in einer Rostocker Buchhandlung, in der meine Mutter und meine damalige Freundin mich begleiteten. Keine sonderlich gute Idee, denn beide brachen immer wieder in ausgedehntes Kichern aus, und das in der ersten Reihe sitzend. Seitdem ist mir klar: Verwandte, Freunde und Bekannte immer außerhalb meines Sichtfeldes platzieren, am besten ganz hinten seitlich.

Zum Schluss kam eine sehr junge Frau mit einer unglaublich zerfledderten, mit zwei Gummibändern zusammengehaltenen Taschenbuchausgabe von „Bilder von ihr“ und bat mich, dies zu signieren. „Meine Bibel“, sagte sie und lächelte breit.

Karen-Susan Fessel: Bilder von ihr. Querverlag, überarbeitete Neuausgabe Berlin 2016, 360 Seiten, 14,99 €