Karen-Susan Fessel
Leseerlebnisse
Natürlich macht es einen Unterschied aus, ob man als Erwachsener freiwillig zu einer Lesung oder als Schüler sozusagen „zwangsverpflichtet“ wird, aber ich glaube guten Gewissens sagen zu können, das meine Lesungen dem weitaus größten Teil meines Publikums Freude gemacht haben. Und mir persönlich auch! Ich lese ausgesprochen gern vor, wie man bei meiner Präsentation hier in Volkach vielleicht schon gemerkt hat, was eventuell ja auch daher rührt, dass ich in der 6. Klasse den jährlichen Vorlesewettbewerb an meiner Schule gewonnen habe – der zweite Sieger ist übrigens auch Schriftsteller geworden …
In all den Jahren meiner „Karriere“ als Vorleserin kann ich mich nur an höchstens drei Schullesungen erinnern, die mir nicht besonders gefallen haben (eine davon war übrigens vor einer achten Klasse eines süddeutschen Elitegymnasiums. Nie zuvor und nie danach habe ich so uninteressierte, freche und unverschämte Schüler erlebt wie an dieser Schule. Und einen Lehrer, der sich hinter der letzten Bank wegduckte). Dafür an hunderte schöne, spannende, interessante und berührende Lesungen. Immer in Erinnerung haften wird mir eine Lesung vor einer Schweizer Kleinklasse, in der die lernschwachen SchülerInnen zusammen unterrichtet werden. Der Lehrer bat mich vorher, mir nichts daraus zu machen, wenn die SchülerInnen nicht zuhörten und lärmten, sie seien das Lesen nicht gewohnt und verstünden aufgrund von Sprachproblemen oft auch nur wenig.
Aber die Lesung war ein voller Erfolg, für alle Beteiligten. Alle 13 SchülerInnen hörten wie gebannt zu, als ich aus „Und wenn schon!“ vorlas – mit verminderter Lesegeschwindigkeit, wie in der Schweiz oder vor des Deutschen nicht sonderlich mächtigem Publikum ohnehin üblich –, und hinterher kamen Fragen bis weit über die angesetzte Lesungszeit hinaus. Aus den Fragen wurde dann ein richtig intensives Gespräch zwischen den Schülern, dem Lehrer und mir. Das war wirklich ein schönes Leseerlebnis!
Ohnehin lese ich gern vor gemeinhin als schwierig empfundenem Publikum, als was alle Klassen ab der 8. gelten. Sicherlich ist es unkomplizierter und entspannender, vor begeisterten Zehnjährigen zu lesen, die einem nahezu an den Lippen hängen und hinterher wissen wollen, ob man ein Lieblingstier hat und verheiratet ist, als sich einer gelangweilt oder genervt dreinblickenden Schar von breitbeinig dasitzenden Jungmännern und spätpubertierenden Mädchen zu präsentieren, und das auch noch mit dem „Uncoolsten“, was es derzeit gibt – einem Buch!
Aber umso spannender finde ich es, wenn dann der Bann bricht und die Gesichter der ZuhörerInnen sich öffnen, spätestens dann, wenn sie merken, dass es in meinen Büchern nicht um mich, sondern um sie geht, dass sie hinterher tatsächlich fragen dürfen, was sie wollen, und dass ich versuche, ihnen wirklich zu antworten.
Und darum geht es letztendlich auch in meiner Arbeit: ins Gespräch miteinander zu kommen, sich ein bisschen zu öffnen für Neues, den anderen und seine Standpunkte kennen zu lernen und vielleicht auch zu akzeptieren, zumindest aber zu tolerieren. Bücher können den Weg dahin ebnen. Und Lesungen auch!
Aus: Kurt Franz/Paul Maar (Hg.), Leser treffen Autoren. Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kidner und Jugendliteratur, Band 35. Schneider Verlag, Hohengehren 2006