Karen-Susan Fessel: Ich stelle mich vor* -
Meine Arbeit als Kinder- und Jugendbuchautorin
Wer wissen will, wie es mit Manfred weitergeht, der kann das in Ausgerechnet du (Oetinger 2003, ab 14) nachlesen, wo die Protagonisten wieder auftauchen, allerdings als Nebenfiguren. In der Hauptsache geht es darin aber um drei Mädchen um die fünfzehn, die sich so sehr langweilen, dass sie sich Michel aus der Parallelklasse aussuchen und so lange mobben, bis das gehörig schief geht. Spiegelbildlich finden wir in diesem Roman die gutsituierte bürgerliche Welt, hinter deren heilen Fassade sich wahre Abgründe an Einsamkeit auftun, als Gegenentwurf zu Manfred Hannemanns von Armut und Ausgrenzung geprägter Herkunft, was sich auch in der Sprache der Protagonisten niederschlägt.
Beide Romane, Ausgerechnet du wie auch Und wenn schon!, sind als Schulbuchausgaben [Klett-Verlag bzw. Schroedel-Verlag, mit umfangreichen Materialien] erhältlich und daher insbesondere für die Klassenlektüre geeignet.
Persönlich finde ich übrigens, dass man die vor allem in Und wenn schon! verwendete Umgangs- und Jugendsprache grundsätzlich als Chance nehmen sollte, kritisch darüber zu diskutieren. Oftmals entstehen nach den Schullesungen höchst spannende Diskussionen über den aktuellen Sprachgebrauch und seine Hintergründe – für mich, die ich mich auch als Pflegerin, Bewahrerin und vor allem Anhängerin der deutschen Sprache betrachte, ist das immer sehr interessant und fruchtbar.
Meine Beschäftigung mit der Sprache, mit Erzählen und Lesen rührt weit zurück – ich gehöre zu den Menschen, die das Glück haben, sehr früh zu erkennen, was sie im Leben einmal machen wollen. Ich habe zwei ältere Geschwister, die natürlich vor mir zur Schule gingen, und da ich nicht im Kindergarten war, habe ich dann mit ihnen – quasi aus Langeweile – zusammen gelernt, wenn sie nach der Schule nach Hause kamen. So kam es also, dass ich schon sehr früh, mit fünf Jahren, recht gut lesen und schreiben konnte. Mein erstes „Buch“ war ein Pixi-Buch – Rumpelstilzchen, und es bescherte mir ein wahres Aha-Erlebnis: Für mich war damals sofort klar, dass es das Schönste sein müsste, wenn ich mir auch mein Leben lang Geschichten ausdenken und sie aufschreiben würde. So ist das immer geblieben, ich habe mir für mich in der Tat nie wirklich einen anderen Beruf denken können.
Natürlich sagen einem alle Menschen, dass man vom Schreiben nicht leben kann, also habe ich nach dem Abitur in Meppen – der Stadt, in der Manfred Hannemann lebt – in Berlin studiert: Theaterwissenschaften, Germanistik und Französisch, um ein „zweites Standbein“ zu haben. Aber dann habe ich mich entschlossen, ins kalte Wasser zu springen und meinen ersten Roman zu schreiben. Zehn Jahre habe ich mir gegeben, um ein Buch zu veröffentlichen. Die zehn Jahre sind längst um, das erste Buch – ein Roman für Erwachsene mit dem Titel Und Abends mit Beleuchtung – erschien 1994, und seither habe ich insgesamt achtzehn weitere Bücher veröffentlicht, Romane, Erzählbände, ein Nachschlagewerk.
Nachdem ich zunächst nur für Erwachsene geschrieben hatte, las ich eines Tages in einer Zeitschrift von einem Wettbewerb für unveröffentlichte Kinder- oder Jugendbuchmanuskripte. Spontan begann ich, zu einem Thema zu schreiben, das mir schon länger im Kopf herumging: Entstanden ist daraus Ein Stern namens Mama (Oetinger 1999, ab 10), mein erstes Kinderbuch, das die Geschichte der 11Jährigen Louise erzählt, deren Mutter an Brustkrebs stirbt. Ich hatte gerade ein Drittel geschrieben, als sehr plötzlich mein eigener Vater starb, sechs Wochen später eine meiner besten Freundinnen an Krebs und dann noch mein heißgeliebter Hund. Jedes Mal legte ich meinen im Entstehen begriffenen Kinderroman weg, entschloss mich aber dann doch, weiter zu schreiben – eine der besten Entscheidungen meines Lebens, wie ich heute finde, denn das Buch wurde weltweit mein bekanntestes. Es ist in mehrere Sprachen übersetzt, in Japan ein Bestseller geworden und in Deutschland auch als Theaterstück zu sehen, die Verfilmung befindet sich in der Vorbereitung.
Miteinander sprechen, kommunizieren, das ist, wie man [bei der Lektüre des Buches] sicherlich merkt, nicht nur Louise im Roman, sondern auch mir sehr wichtig. Das Schlimmste an Krisensituationen jedweder Art ist für Kinder und Jugendliche oft das beredte Schweigen der Erwachsenen. Aber sie bekommen oft viel mehr mit, als Erwachsene meinen, und sie verkraften auch mehr – was sich für mich nicht zuletzt auch immer wieder daran zeigt, dass es viele Erwachsene gibt, die sagen, man könne dieses traurige Buch Kindern nicht zumuten.
Meine Erfahrung aber ist, dass bislang noch jeder Erwachsene, ob Mann oder Frau, mir gesagt hat, dass er oder sie bei der Lektüre des Buches geweint habe. Bei Lesungen erlebe ich das immer wieder – Kinder und Jugendliche aber weinen fast nie. Das zeigt mir, dass wir Erwachsene oft meinen, Kindern und Jugendlichen Dinge nicht zumuten zu können, die wir selbst nicht ertragen, sie aber sehr wohl. Die vielen Briefe, die ich von Kindern und ganzen Schulklassen (das Buch wird ab 10 Jahren bzw. der vierten Klasse empfohlen) dazu erhalten habe, bekräftigen das.
Auch Leontine in meinem zweiten, 2001 erschienen Jugendbuch Steingesicht hat den Tod ihrer Mutter zu verkraften. In der Folge wird Leo aus der Großstadt Berlin aufs Land zu ihrer Tante verschlagen, wo sie überall nur aneckt, erst recht, als sie merkt, dass sie sich mehr für Mädchen als für Jungs interessiert. Es geht aber ziemlich gut aus für die 15Jährige – auch das ist mir grundsätzlich wichtig: dass ich meine Leserinnen und Leser nicht hoffnungslos zurücklasse. Ich schreibe zwar über problematische Themen, aber mir ist es ein Anliegen, zu zeigen, dass es immer auch Lösungsmöglichkeiten gibt – man muss sie nur suchen, und oft hilft allein schon das Bewusstsein, nicht allein zu sein mit seinen Problemen. Andere haben sie auch! Steingesicht empfiehlt sich als Lektüre ab der 8./9. Klasse, in Taiwan ist dieses Buch übrigens zur Zeit Schullektüre für die neunten Klassen.
Verlust und der Umgang damit ist, wie vielleicht deutlich geworden ist, eines der großen Themen, die mich in meiner schriftstellerischen Arbeit immer wieder bewegen – auch in Lametta am Himmel (Oetinger 2004, ab 10) muss die Hauptperson, die elfjährige Kaya, ohne Mutter aufwachsen. Die allerdings ist aus ihrem Dorf im Ostharz vor Jahren mit einem Westmusiker durchgebrannt, und seither schiebt Kayas Vater einen brodelnden Hass auf alle Wessis und Künstler. Schwierig wird das, als eines Tages drei Maler in die verfallene Scheune einziehen und Kaya, die wegen eines Geburtsfehlers, eines verwachsenen Auges, von den anderen Kindern verspottet wird, sich mit ihnen anfreundet. Lametta am Himmel betrachtet also unter anderem die Ost-West-Problematik aus Kindersicht, ein Thema, das zusehends in Vergessenheit gerät. Bei einer kürzlichen Lesung im Saarland wussten von knapp hundert Zehnjährigen gerade noch drei, dass Deutschland mal zweigeteilt war.
In der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands wiederum lebt Max, der Protagonist meines neuesten Jugendbuches Max in den Wolken (Oetinger 2005, ab 14), der seinerseits einen ganz eigenen Verlust verkraften muss.
Am Ende der [ersten] Szene [im Buch] ist ein Mensch tot. Und Max macht sich auf die schwierige Suche, herauszufinden, was eigentlich passiert ist und vor allem: Warum? Dabei läuft ihm im wahrsten Sinne des Wortes ein Mädchen über den Weg, Hanja, die seine erste große Liebe wird. So ist dieser Roman nicht nur eine Krimi-, sondern auch eine Liebesgeschichte, ein Buch über Familie, Trauer, Tod, Verlust, Freundschaft und die Hoffnung auf Glück. Und das werden auch für mich immer die wichtigsten Themen bleiben, privat wie auch beruflich – was sich für mich ohnehin nicht trennen lässt.
*Gekürzte Fassung eines Vortrages vom Mai 2006, gehalten anlässlich des Seminars „Leser treffen Autoren“ der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Volkach. Eine längere schriftliche Fassung findet sich in: Kurt Franz und Paul Maar (Hrsg.), Leser treffen Autoren. Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Band 35, Schneider Verlag, Hohengehren 2006
**[Anmerkungen durch die Autorin]