Mirjam Pressler*
über
Karen-Susan Fessel :
Eine Autorin mit Mut zur Auseinandersetzung
Bevor ich wusste, dass sie auch als Kinder- und Jugendbuchautorin arbeitet, war mir ihr Name schon begegnet. Meine Tochter hatte mir vor einigen Jahren ein Buch von ihr geschenkt (Bis ich sie finde). Karen-Susan Fessel schreibt immer noch für Erwachsene, aber dazu – zum Glück – mittlerweile auch für Kinder und Jugendliche. Sechs Bücher sind insgesamt bislang erschienen, alle im Verlag Friedrich Oetinger, alle zu unterschiedlichen Themen, aber eins haben sie gemein: Sie beschäftigen sich mit Tabuthemen. Themen wie Armut, Krankheit, Außenseitern und Tod, und das in einer authentischen, starken, manchmal verkürzten Sprache, die sowohl unter Kindern und Jugendlichen wie auch Erwachsenen begeisterte LeserInnen findet.
„Ihre Sprache ist direkt, heftig, stark und intensiv – so versteht sie es, das Milieu der Jugendlichen und deren Welt lebendig zu machen, berichtet aber ebenso von den Defiziten der Erwachsenenwelt. Ohne Peinlichkeiten geht sie Tabus an und zeigt junge Menschen in all ihrer Widersprüchlichkeit und mit Mut zur Auseinandersetzung. Sie hat nicht nur jungen Menschen etwas zu sagen“.
Dieses Zitat aus der Rede zur Verleihung des Märkischen Stipendiums für Literatur an Karen-Susan Fessel im Jahre 2004 beschreibt sehr genau die Arbeitsweise der 41Jährigen Berliner Autorin. Sie schreibt "ohne Kitsch und Pathos" und es gelingen ihr "Milieustudien, die Sympathie für Außenseiter wecken" (Mannheimer Morgen).
Besonders deutlich wird dies vielleicht in dem mir liebsten Jugendbuch von Karen-Susan Fessel, dem Roman Und wenn schon!, für den sie im Jahre 2003 zum Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde.
Schon der Anfang dieses Romans hat mich begeistert: „Wer heißt denn heute noch Manfred? Keiner. Nur ich.“ In Und wenn schon! leidet der zwölfjährige Manfred, genannt Manne, vorrangig unter der Armut seiner Familie, die ihn dazu zwingt, die abgetragenen Kleidungsstücke seiner vier älteren Brüder aufzutragen. Als dann auch noch sein Lieblingsbruder Jochen bei einem vermeintlichen Raubüberfall erwischt wird, steht für die Bewohner der Kleinstadt Meppen – übrigens der Stadt, in der Karen-Susan Fessel die meiste Zeit ihrer Kindheit und Jugend aufgewachsen ist – fest, dass die Hannemanns mal wieder voll dem Klischee entsprechen: Loser und Nichtsnutze sind sie. Aber Manne will sich das nicht gefallen lassen. Für ihn geht es auch darum, ob er eigentlich stolz sein kann auf so eine Familie. Das Ende lässt vieles offen, aber die Richtung ist klar.
Familie in ihren verschiedenen Formen, auch das ist immer wieder Thema bei Karen-Susan Fessel. Ob nun die Tochter beim Vater aufwächst – wie in Lametta am Himmel, die Nichte bei der Tante – wie in Steingesicht – oder der Sohn bei einem Freund der Familie, weil die Familie durch eine Katastrophennacht auseinander gebrochen ist wie in Max in den Wolken, immer geht es für die jugendlichen Hauptfiguren auch darum, ihren Platz in der Familie, in der Welt auszuloten und die Beziehungen zu den Menschen in ihrer nächsten Umgebung neu zu definieren.
Vielen dieser so ungemein lebendig und authentisch beschriebenen Kindern und Jugendlichen geht es beileibe nicht gut – aber das ist bei Karen-Susan Fessel durchaus Programm, wie sie selbst sagt: „Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch, aber ich schreibe viel Trauriges, Ernstes, Schwieriges. In meinen Büchern geht es fast immer um Kinder und Jugendliche, denen es nicht so besonders gut geht oder die es nicht besonders leicht haben. Ich glaube nämlich, dass es helfen kann, wenn es einem selbst nicht so gut geht: wenn man sieht, dass andere die gleichen oder ähnliche Probleme haben oder vielleicht auch viel schlimmere und dass sie daran trotzdem etwas ändern können. (...) Das Leben ist nicht immer lustig und leicht. Aber Bücher lesen kann helfen. Und wenn eines meiner Bücher auch nur einen einzigen Menschen tröstet, ihm Mut oder Freude macht oder hilft, andere Menschen besser zu verstehen, dann hat sich für mich das ganze Schreiben schon gelohnt!" (aus: Oetinger Lesebuch, Almanach 2001/2002)
Das hat es bestimmt. In einer Zeit, in der es so oft nur um „Spaß“ geht, können wir, finde ich, dankbar sein für eine Autorin, der es um etwas Ernsthaftes geht und die es schafft, das auch noch in ansprechender, ergreifender Form darzustellen, ohne dass ihre jugendlichen Leserinnen und Leser vor dem berühmten erhobenen Zeigefinger fliehen. Hoffen wir auf noch viele weitere Bücher mit Mut zur Auseinandersetzung!
(aus: Kurt Franz/Paul Maar (Hrsg.); Leser treffen Autoren. Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Band 35. Schneider Verlag, Hohengehren 2006)
* Die Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler gilt mit ihrem umfangreichen und vielfach ausgezeichneten Werk als eine der herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Kinder- und Jugendliteraturszene.