"Bücher waren von Anfang an meine schönsten Geschenke"
Ich über mich
Manchmal kann ich es immer noch nicht so ganz glauben, aber es ist wahr: Ich bin tatsächlich Schriftstellerin geworden! Ich mache das, was ich mein ganzes Leben lang machen wollte - ich schreibe Bücher, und ich kann sogar davon leben.Angefangen hat es, als ich fünf Jahre alt war. Da gingen mein Bruder und meine Schwester schon zur Schule, und wenn sie nach Hause kamen, setzte ich mich mit ihnen an den Tisch und machte mit beim Hausaufgabenmachen. So habe ich lesen gelernt, und schon beim ersten Buch, das ich selber lesen konnte - "Rumpelstilzchen" -, da dachte ich, dass es das Schönste und Aufregendste und Geheimnisvollste auf der ganzen Welt sein muss, sich Geschichten auszudenken und sie für andere Menschen aufzuschreiben. Und das finde ich immer noch!
Bei uns zu Hause hatten wir nicht besonders viel Geld. Meine Eltern hatten beide das Gymnasium nicht geschafft und sie konnten uns Kindern nicht viel Bildung mitgeben, aber was wir bekamen, das waren Bücher. Meine Mutter fuhr vor unseren Geburtstagen immer mit dem Fahrrad in die Stadt, setzte sich in die Buchhandlung (damals gab es dort noch eine richtige Lese-Ecke, wo man stundenlang sitzen und lesen konnte) und las und las und las. Sie las alles selbst vorher durch, was sie uns schenkte, und ich finde, sie hat meistens wirklich gute Bücher ausgesucht.
Von Anfang an waren Bücher meine schönsten Geschenke, und so ist es heute noch. Mein Elternhaus ist voll gestopft mit Büchern, sogar auf dem Klo stehen Bücherregale, und auch bei mir und meinen Geschwistern ist das so.
Ich wusste also schon immer, dass ich nichts anderes außer Schriftstellerin werden wollte. Aber ich wusste nicht, wie man das wird. Und da mir kein Mensch das sagen konnte, habe ich dann einfach damit angefangen, es mir selbst beizubringen.
Mein erstes Buch hieß "Der Fuchs und der Hase" und es bestand aus lauter Tiergeschichten. Ich hab es mit meiner kleinen gelben Reiseschreibmaschine geschrieben, die ich zum siebten Geburtstag bekommen hatte (das war allerdings auch ein sehr, sehr schönes Geschenk!). Ich habe Bilder dazu gemalt, zu jeder Geschichte eins, und die Blätter habe ich mit der Puppen-nähmaschine von meiner Schwester zusammengenäht. Später habe ich es auf dem Flohmarkt verkauft, für eine Mark. Tja, heute gäbe ich viel drum, es wiederzuhaben.
Und dann habe ich immer weitergeschrieben, viele Geschichten, und studiert habe ich, Deutsch und Französisch und Theaterwissenschaft, weil ich dachte, ich könnte im Zweitberuf vielleicht Regisseurin werden. Denn alle sagten immer, dass nur ganz wenige es schaffen, Schriftsteller zu werden, und dass man sowieso nicht davon leben kann, nur ganz, ganz, ganz wenige Leute, und die sind sooooo berühmt, wie kein normaler Mensch es je wird. Aber das stimmt nicht. Man muss ganz viel daran arbeiten und braucht viel Glück und Leute, die einen gut finden und unterstützen, und man braucht wohl auch einfach Talent. Aber es geht eben doch!
Und deshalb habe ich meinen Zweitberuf bis jetzt gar nicht gebraucht. Aber gut war das Studieren trotzdem, denn man kann ja doch etwas fürs Schriftstellern lernen: wie man seine Gedanken besser ordnet und wie man eine gute Inhaltsangabe macht und wie man eher weniger Worte nimmt anstatt viele, wenn man nur eine kleine Sache erzählen will.
Und als ich fertig studiert hatte, bin ich einfach ins kalte Wasser gesprungen und habe nachts bei der Post gearbeitet und Briefe sortiert und tagsüber mein erstes Erwachsenenbuch geschrieben, und das ist dann auch angenommen worden von einem Verlag, und so ging es dann weiter. Erst habe ich eine ganze Reihe von Büchern für Erwachsene geschrieben, und als ich gemerkt habe, dass das wirklich das Richtige für mich ist, da habe ich dann auch Lust bekommen, für Kinder und Jugendliche zu schreiben.
Weil Bücher für mich doch so wichtig gewesen waren, als ich ein Kind war. Ich wollte schon immer wissen, was andere Leute denken und fühlen. Denn jeder von uns hat ja nur sein eigenes Leben und seine eigenen Gedanken, aber wenn man Bücher liest, kann man noch ganz viele andere Leben dazu erleben und viele andere Gedanken denken und ganz viel über andere Menschen erfahren, und das ist das Spannendste, was es gibt auf der Welt! Jedenfalls für mich.
Und deshalb schreibe ich auch keine Fantasiebücher, sondern Geschichten, die so wirklich passieren könnten. Aus dem wirklichen Leben. Und das ist ja nun nicht gerade immer lustig und leicht und heiter. Nein, im Gegenteil!
Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch, aber ich schreibe viel Trauriges, Ernstes, Schwieriges. In meinen Büchern geht es fast immer um Kinder und Jugendliche [und Erwachsene], denen es nicht so besonders gut geht oder die es nicht besonders leicht haben.
Ich glaube nämlich, dass das helfen kann, wenn es einem selbst nicht so gut geht: wenn man sieht, dass andere die gleichen oder ähnliche Probleme haben oder vielleicht auch viel, viel schlimmere und dass sie daran trotzdem etwas ändern können.
Daran glaube ich: Auch, wenn es einem noch so schlecht geht und man traurig ist oder unglücklich oder krank, man kann immer etwas zum Besseren ändern. Ob allein oder mit anderen zusammen. Und manchmal hilft dabei auch ein Buch!
Als ich gerade mein erstes Kinderbuch ["Ein Stern namens Mama, Oetinger 1999] angefangen hatte zu schreiben, ist kurz darauf mein Vater gestorben. Das war ganz schön schwer, denn mein erstes Kinderbuch sollte ja die Geschichte von Luise erzählen, deren Mutter an Krebs stirbt. Mein Vater ist zwar nicht an Krebs gestorben, sondern an einer Blutkrankheit, aber kurz darauf ist eine meiner besten Freundinnen an Krebs gestorben und ein bisschen später starb dann noch mein Hund, den ich sehr lieb gehabt hatte. So musste ich mein Buch dreimal unterbrechen, aber am Ende habe ich es doch noch fertig geschrieben. Ich habe es meinem Papa gewidmet.
Wie gesagt, das Leben ist nicht immer lustig und leicht. Aber Bücher lesen kann helfen. Und wenn eines meiner Bücher auch nur einen einzigen Menschen tröstet, ihm Mut oder Freude macht oder hilft, andere Menschen besser zu verstehen, dann hat sich für mich das ganze Schreiben schon gelohnt!
(aus: Oetinger Lesebuch, Almanach 2001/2002, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2001 [Anmerkungen von der Autorin])