{"id":9,"date":"2011-04-01T17:03:41","date_gmt":"2011-04-01T17:03:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.karen-susan-fessel.de\/neu\/?page_id=9"},"modified":"2016-06-28T15:38:20","modified_gmt":"2016-06-28T13:38:20","slug":"schriftstellerin-sein","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.karen-susan-fessel.de\/index.php\/schriftstellerin-sein\/","title":{"rendered":"Arbeit und Werk"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\">Zum Einlesen: f\u00fcnf\u00a0Texte zur schriftstellerischen Arbeit Karen-Susan Fessels<\/h1>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Nachwort von Karen-Susan Fessel zur neu erschienen Taschenbuchausgabe von &#8222;Ein Stern namens Mama&#8220;<\/h2>\n<p>An einem kalten Tag im M\u00e4rz 1998 setzte ich mich an meinen Schreibtisch, um den Anfang meines ersten Jugendbuches \u2013 drei B\u00fccher f\u00fcr Erwachsene hatte ich zuvor schon ver\u00f6ffentlicht \u2013 zu schreiben. Es sollte \u201eSteingesicht\u201c hei\u00dfen und von der 15-j\u00e4hrigen Leontine erz\u00e4hlen, die nach dem Tod ihrer Mutter zu ihrer Tante ziehen muss, weg aus Berlin in ein kleines Dorf auf dem Lande. Dort eckt sie \u00fcberall an, bis sie zu allem \u00dcberfluss auch noch feststellt, dass sie auf M\u00e4dchen steht und nicht auf Jungs.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Buchidee hatte ich gerade ein Stipendium bekommen \u2013 genug Geld, um drei Monate in Ruhe daran zu schreiben. Aber an diesem M\u00e4rznachmittag beschloss ich ganz spontan, den Anfang eines anderen Buches zu schreiben, das mir schon l\u00e4nger im Kopf herumspukte. Auch hier spielte ein M\u00e4dchen die Hauptrolle, dessen Mutter gestorben war, allerdings war das M\u00e4dchen viel j\u00fcnger \u2013 erst zehn oder elf. Und die Mutter war auch nicht \u2013 wie bei Leontine \u2013 an den Folgen von AIDS gestorben, sondern an einer Krankheit, die sehr viel verbreiteter war und ist: Krebs.<\/p>\n<p>Im Jahr zuvor war ein Freund von mir an Blutkrebs gestorben und hatte einen sechsj\u00e4hrigen Sohn und eine zehnj\u00e4hrige Tochter hinterlassen. Diese Tochter auf der Beerdigung zu sehen, wie sie tapfer und endlich traurig zugleich in der ersten Reihe sa\u00df und auf den Sarg blickte, das hatte mich sehr besch\u00e4ftigt. Ihr war das Schlimmste passiert, was die meisten Menschen sich vorstellen kann: einen geliebten Elternteil zu verlieren.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend ich nun dasa\u00df an diesem kalten Nachmittag \u2013 leicht erk\u00e4ltet und ziemlich verschnupft \u2013, k\u00e4mpfte eine sehr enge Freundin von mir hunderte von Kilometern entfernt um ihr Leben. Sie hatte Brustkrebs, woran viele Jahre zuvor schon meine Oma gestorben war, wie unz\u00e4hlige andere Frauen auch: Jede Zehnte, so sagt man, erkrankt im Laufe ihres Lebens an dieser Krankheit.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich waren es all diese traurigen Begebenheiten zusammengenommen, die mich dazu brachten, ein ganz anderes Buch zu beginnen, als ich es vorgehabt hatte. Und so tippte ich an diesem kalten Tag im M\u00e4rz vier W\u00f6rter in meinen Computer: \u201eEin Stern namens Mama\u201c. Und dann begann ich zu schreiben.<\/p>\n<p>Als sich mehrere Stunden sp\u00e4ter mein Hund schwanzwedelnd um meine Beine dr\u00fcckte, weil es Zeit f\u00fcr seinen Abendspaziergang geworden war, stellte ich erstaunt fest, dass ich zehn Seiten am St\u00fcck geschrieben hatte. Ich druckte sie aus, fuhr den Computer herunter, drehte mir eine weitere Zigarette \u2013 damals war ich noch Raucherin \u2013 und ging mit dem Hund nach unten.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df noch genau, was f\u00fcr ein Gef\u00fchl mich an diesem Abend bei meinem Gang durch die Stra\u00dfen begleitete \u2013 eine Mischung aus Gl\u00fcck, Aufregung und Traurigkeit. Mir war vollkommen klar, dass ich an diesem Tag einen extrem wichtigen, bedeutsamen Schritt gemacht hatte, in meine eigene Zukunft.<\/p>\n<p>Wie bedeutsam er allerdings tats\u00e4chlich sein w\u00fcrde, das ahnte ich damals nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p>In den Tagen danach verschlimmerte sich meine Erk\u00e4ltung und wuchs sich zu einer ausgedehnten Nasennebenh\u00f6hlenentz\u00fcndung aus, w\u00e4hrend ich das erste Kapitel zu Ende schrieb. Ich warf meinen Tabak fort, legte mich ins Bett, und als ich nach einer Woche wieder aufstand, ging es mir nicht nur besser, sondern ich hatte mit dem Rauchen aufgeh\u00f6rt \u2013 und w\u00fcrde nie mehr damit anfangen. Das wollte ich meinem Vater erz\u00e4hlen, der sich das seit langem gew\u00fcnscht hatte, aber ich erreichte telefonisch nur meine Mutter. Die mir sagte, dass es meinem Vater, der seit langem an einer seltenen Erbkrankheit litt, pl\u00f6tzlich sehr schlecht ginge.<\/p>\n<p>Ich habe meinem Vater nicht\u00a0 mehr erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, dass ich endlich mit dem Rauchen aufgeh\u00f6rt hatte \u2013 er war nicht mehr ansprechbar, bis zu seinem Tod wenige Wochen sp\u00e4ter. Sechs Wochen danach verlor meine Freundin den Kampf gegen den Brustkrebs, und wiederum acht Wochen sp\u00e4ter starb auch mein hei\u00dfgeliebter Hund. Da hatte ich schon l\u00e4ngst mit der Arbeit an \u201eEin Stern namens Mama\u201c aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Es schien mir unm\u00f6glich, diese traurige Geschichte, die auf einmal noch viel mehr mit meinem eigenen Leben zu tun hatte als zuvor, zu Ende erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Aber dann, Monate sp\u00e4ter, tat ich es doch \u2013 in der Hoffnung, es w\u00fcrde mir danach besser gehen, ich k\u00f6nne mir vielleicht den Kummer von der Seele schreiben.<\/p>\n<p>Das gelang mir zwar nicht \u2013 und ich konnte mehr als zehn Jahre nicht aus dem Buch vorlesen, aus Angst, dabei in Tr\u00e4nen auszubrechen \u2013, aber es war gut, dass ich \u201eEin Stern namens Mama\u201c dann doch zu Ende brachte. Denn ich gewann damit den zweiten Platz beim \u201eAstrid-Lindgren-Preis\u201c f\u00fcr unver\u00f6ffentlichte Kinderb\u00fccher; das Buch wurde gedruckt, und zwar beim damals gr\u00f6\u00dften deutschen Kinder- und Jugendbuchverlag Friedrich Oetinger, und es wurde von allen meinen \u2013 mittlerweile sind es 32 \u2013 ver\u00f6ffentlichten B\u00fcchern das weltweit bekannteste, in viele Sprachen \u00fcbersetzt, in Japan ein Bestseller. Es gibt davon eine H\u00f6rbuchfassung f\u00fcr Planetarien, ein vielbeachtetes Theaterst\u00fcck, mehrere verschiedene Schulbuch- und Neuausgaben und zwei Drehb\u00fccher \u2013 mit einer gro\u00dfen Portion Gl\u00fcck wird mein erstes Kinderbuch vielleicht auch eines Tages als Film zu sehen sein.<\/p>\n<p>Ja, gut, dass ich es trotz allem zu Ende geschrieben habe. Vor allem, weil ich immer wieder von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Post bekomme, die es gelesen haben und denen es etwas bedeutet. Sicher, es ist ein sehr trauriges Buch, und offenbar finden es \u00e4ltere LeserInnen noch viel trauriger als j\u00fcngere. Aber gleichzeitig ist es auch ein Buch, das Trost spenden kann: Denn \u2013 so habe ich es damals und immer wieder danach selbst erfahren: \u201eDas Leben ist sch\u00f6n\u201c, wie es Louises Mutter im Buch kurz vor ihrem Tod sagt: \u201eAuch wenn alles ganz traurig und d\u00fcster aussieht und man weinen muss: Es gibt so viel sch\u00f6ne und lustige Sachen im Leben!\u201c<\/p>\n<p>Mir pers\u00f6nlich macht dieser Gedanke auch in dunklen Momenten Mut. Und ich hoffe, meinen LeserInnen auch.<\/p>\n<p>\u201eSteingesicht\u201c \u00fcbrigens habe ich dann auch noch zu Ende geschrieben, und auch dieses Buch wurde dann beim Oetinger Verlag ver\u00f6ffentlicht und ein ziemlicher Erfolg.<\/p>\n<p>Seitdem schreibe ich immer abwechselnd B\u00fccher f\u00fcr Erwachsene, Kinder und Jugendliche, und ich hoffe, das auch f\u00fcr den Rest meines Lebens machen zu k\u00f6nnen. An Ideen wird es mir bestimmt nicht mangeln, vielleicht aber manchmal an Geld. Doch auch dann denke ich sicherlich immer gern an die Tage zur\u00fcck, an denen ich begonnen habe, \u201eEin Stern namens Mama\u201c zu schreiben. Manchmal kommt n\u00e4mlich das Ungl\u00fcck vollkommen \u00fcberraschend \u2013 aber das Gl\u00fcck eben auch!<\/p>\n<p>(aus: Christiane Hagemann: Materialien f\u00fcr den Unterricht zu: Karen-Susan Fessel: Ein Stern namens Mama. \u00dcberarbeitete Taschenbuchausgabe, Oetinger Taschenbuch 2016. Zum Download unter www.vgo-schule.de\u00a0)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Mirjam Pressler: Karen-Susan Fessel &#8211; eine Autorin mit Mut zur Auseinandersetzung<\/h2>\n<p>Bevor ich wusste, dass sie auch als Kinder- und Jugendbuchautorin arbeitet, war mir ihr Name schon begegnet. Meine Tochter hatte mir vor einigen Jahren ein Buch von ihr geschenkt &#8211; den Roman &#8222;Bis ich sie finde&#8220;. Karen-Susan Fessel schreibt immer noch f\u00fcr Erwachsene, aber dazu \u2013 zum Gl\u00fcck \u2013 mittlerweile auch f\u00fcr Kinder und Jugendliche. Sechs B\u00fccher sind insgesamt bislang erschienen, alle im Verlag Friedrich Oetinger, alle zu unterschiedlichen Themen, aber eins haben sie gemein: Sie besch\u00e4ftigen sich mit Tabuthemen. Themen wie Armut, \u00fcber Krankheit, Au\u00dfenseitern und Tod, und das in einer authentischen, starken, manchmal verk\u00fcrzten Sprache, die sowohl unter Kindern und Jugendlichen wie auch Erwachsenen begeisterte LeserInnen findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eIhre Sprache ist direkt, heftig, stark und intensiv \u2013 so versteht sie es, das Milieu der Jugendlichen und deren Welt lebendig zu machen, berichtet aber ebenso von den Defiziten der Erwachsenenwelt. Ohne Peinlichkeiten geht sie Tabus an und zeigt junge Menschen in all ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit und mit Mut zur Auseinandersetzung. Sie hat nicht nur jungen Menschen etwas zu sagen\u201c.<\/p>\n<p>Dieses Zitat aus der Rede zur Verleihung des M\u00e4rkischen Stipendiums f\u00fcr Literatur an Karen-Susan Fessel im Jahre 2004 beschreibt sehr genau die Arbeitsweise der 41J\u00e4hrigen Berliner Autorin. Sie schreibt &#8222;ohne Kitsch und Pathos&#8220; und es gelingen ihr &#8222;Milieustudien, die Sympathie f\u00fcr Au\u00dfenseiter wecken&#8220; (Mannheimer Morgen).<br \/>\nBesonders deutlich wird dies vielleicht in dem mir liebsten Jugendbuch von Karen-Susan Fessel, dem Roman Und wenn schon!, f\u00fcr den sie im Jahre 2003 zum Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde.<br \/>\nSchon der Anfang dieses Romans hat mich begeistert: \u201eWer hei\u00dft denn heute noch Manfred? Keiner. Nur ich.\u201c In Und wenn schon! leidet der zw\u00f6lfj\u00e4hrige Manfred, genannt Manne, vorrangig unter der Armut seiner Familie, die ihn dazu zwingt, die abgetragenen Kleidungsst\u00fccke seiner vier \u00e4lteren Br\u00fcder aufzutragen. Als dann auch noch sein Lieblingsbruder Jochen bei einem vermeintlichen Raub\u00fcberfall erwischt wird, steht f\u00fcr die Bewohner der Kleinstadt Meppen \u2013 \u00fcbrigens der Stadt, in der Karen-Susan Fessel die meiste Zeit ihrer Kindheit und Jugend aufgewachsen ist \u2013 fest, dass die Hannemanns mal wieder voll dem Klischee entsprechen: Loser und Nichtsnutze sind sie. Aber Manne will sich das nicht gefallen lassen. F\u00fcr ihn geht es auch darum, ob er eigentlich stolz sein kann auf so eine Familie. Das Ende l\u00e4sst vieles offen, aber die Richtung ist klar.<\/p>\n<p>Familie in ihren verschiedenen Formen, auch das ist immer wieder Thema bei Karen-Susan Fessel. Ob nun die Tochter beim Vater aufw\u00e4chst \u2013 wie in Lametta am Himmel, die Nichte bei der Tante \u2013 wie in Steingesicht \u2013 oder der Sohn bei einem Freund der Familie, weil die Familie durch eine Katastrophennacht auseinander gebrochen ist wie in Max in den Wolken, immer geht es f\u00fcr die jugendlichen Hauptfiguren auch darum, ihren Platz in der Familie, in der Welt auszuloten und die Beziehungen zu den Menschen in ihrer n\u00e4chsten Umgebung neu zu definieren.<\/p>\n<p>Vielen dieser so ungemein lebendig und authentisch beschriebenen Kindern und Jugendlichen geht es beileibe nicht gut \u2013 aber das ist bei Karen-Susan Fessel durchaus Programm, wie sie selbst sagt:\u00a0 \u201eIch bin eigentlich ein fr\u00f6hlicher Mensch, aber ich schreibe viel Trauriges, Ernstes, Schwieriges. In meinen B\u00fcchern geht es fast immer um Kinder und Jugendliche, denen es nicht so besonders gut geht oder die es nicht besonders leicht haben. Ich glaube n\u00e4mlich, dass es helfen kann, wenn es einem selbst nicht so gut geht: wenn man sieht, dass andere die gleichen oder \u00e4hnliche Probleme haben oder vielleicht auch viel schlimmere und dass sie daran trotzdem etwas \u00e4ndern k\u00f6nnen. (&#8230;) Das Leben ist nicht immer lustig und leicht. Aber B\u00fccher lesen kann helfen. Und wenn eines meiner B\u00fccher auch nur einen einzigen Menschen tr\u00f6stet, ihm Mut oder Freude macht oder hilft, andere Menschen besser zu verstehen, dann hat sich f\u00fcr mich das ganze Schreiben schon gelohnt!&#8220; (aus: Oetinger Lesebuch, Almanach 2001\/2002)<\/p>\n<p>Das hat es bestimmt. In einer Zeit, in der es so oft nur um \u201eSpa\u00df\u201c geht, k\u00f6nnen wir, finde ich, dankbar sein f\u00fcr eine Autorin, der es um etwas Ernsthaftes geht und die es schafft, das auch noch in ansprechender, ergreifender Form darzustellen, ohne dass ihre jugendlichen Leserinnen und Leser vor dem ber\u00fchmten erhobenen Zeigefinger fliehen. Hoffen wir auf noch viele weitere B\u00fccher mit Mut zur Auseinandersetzung!<\/p>\n<p>(aus: Kurt Franz\/Paul Maar (Hrsg.); Leser treffen Autoren. Schriftenreihe der Deutschen Akademie f\u00fcr Kinder- und Jugendliteratur Band 35. Schneider Verlag, Hohengehren 2006)<\/p>\n<p>* Die Autorin und \u00dcbersetzerin Mirjam Pressler gilt mit ihrem umfangreichen und vielfach ausgezeichneten Werk als eine der herausragenden Pers\u00f6nlichkeiten der deutschen Kinder- und Jugendliteraturszene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"color: #000000; font-family: Georgia, 'Bitstream Charter', serif; line-height: 1.5em; font-size: 1.8em; font-weight: normal; text-align: center; margin: 0px 0px 20px 0px;\">***<\/h2>\n<h2 style=\"color: #000000; font-family: Georgia, 'Bitstream Charter', serif; line-height: 1.5em; font-size: 1.8em; font-weight: normal; text-align: center; margin: 0px 0px 20px 0px;\">Karen-Susan Fessel:<\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Meine Arbeit als Kinder- und Jugendbuchautorin<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 16px; color: #444444; line-height: 24px;\">[&#8230;]**\u00a0 Der dieses Buch [Und wenn schon! (Verlag Friedrich Oetinger, ab 12)] sehr pr\u00e4gende umgangssprachliche Tonfall sorgt bei den meisten Sch\u00fclern in der Regel f\u00fcr gro\u00dfe Begeisterung\u2013 bei den Lehrkr\u00e4ften gelegentlich nicht ganz so. Sicherlich kann man, was die Verwendung der so genannten Jugendsprache betrifft, geteilter Meinung sein, unbestreitbar jedoch ist: Sie erreicht ihre Leser, genau wie die beschriebenen Problematiken. Ein junger Mann aus meiner Stra\u00dfe hat es mal so formuliert: \u201eIch steh nicht auf Lesen, eigentlich. Wenn, dann les ich nur Harry Potter. Aber Und wenn schon!, das finde ich toll. Weil es einfach mit mir zu tun hat, mit Leuten wie mir!\u201c Das war f\u00fcr mich \u00fcbrigens eines der allergr\u00f6\u00dften Komplimente, die ich bis heute je f\u00fcr meine Arbeit bekommen habe.<\/span><\/p>\n<p>Wer wissen will, wie es mit Manfred weitergeht, der kann das in Ausgerechnet du (Oetinger 2003, ab 14) nachlesen, wo die Protagonisten wieder auftauchen, allerdings als Nebenfiguren. In der Hauptsache geht es darin aber um drei M\u00e4dchen um die f\u00fcnfzehn, die sich so sehr langweilen, dass sie sich Michel aus der Parallelklasse aussuchen und so lange mobben, bis das geh\u00f6rig schief geht. Spiegelbildlich finden wir in diesem Roman die gutsituierte b\u00fcrgerliche Welt, hinter deren heilen Fassade sich wahre Abgr\u00fcnde an Einsamkeit auftun, als Gegenentwurf zu Manfred Hannemanns von Armut und Ausgrenzung gepr\u00e4gter Herkunft, was sich auch in der Sprache der Protagonisten niederschl\u00e4gt.<br \/>\nBeide Romane, Ausgerechnet du wie auch Und wenn schon!, sind als Schulbuchausgaben [Klett-Verlag bzw. Schroedel-Verlag, mit umfangreichen Materialien] erh\u00e4ltlich und daher insbesondere f\u00fcr die Klassenlekt\u00fcre geeignet.<br \/>\nPers\u00f6nlich finde ich \u00fcbrigens, dass man die vor allem in Und wenn schon! verwendete Umgangs- und Jugendsprache grunds\u00e4tzlich als Chance nehmen sollte, kritisch dar\u00fcber zu diskutieren. Oftmals entstehen nach den Schullesungen h\u00f6chst spannende Diskussionen \u00fcber den aktuellen Sprachgebrauch und seine Hintergr\u00fcnde \u2013 f\u00fcr mich, die ich mich auch als Pflegerin, Bewahrerin und vor allem Anh\u00e4ngerin der deutschen Sprache betrachte, ist das immer sehr interessant und fruchtbar.<br \/>\nMeine Besch\u00e4ftigung mit der Sprache, mit Erz\u00e4hlen und Lesen r\u00fchrt weit zur\u00fcck \u2013 ich geh\u00f6re zu den Menschen, die das Gl\u00fcck haben, sehr fr\u00fch zu erkennen, was sie im Leben einmal machen wollen. Ich habe zwei \u00e4ltere Geschwister, die nat\u00fcrlich vor mir zur Schule gingen, und da ich nicht im Kindergarten war, habe ich dann mit ihnen \u2013 quasi aus Langeweile \u2013 zusammen gelernt, wenn sie nach der Schule nach Hause kamen. So kam es also, dass ich schon sehr fr\u00fch, mit f\u00fcnf Jahren, recht gut lesen und schreiben konnte. Mein erstes \u201eBuch\u201c war ein Pixi-Buch \u2013 Rumpelstilzchen, und es bescherte mir ein wahres Aha-Erlebnis: F\u00fcr mich war damals sofort klar, dass es das Sch\u00f6nste sein m\u00fcsste, wenn ich mir auch mein Leben lang Geschichten ausdenken und sie aufschreiben w\u00fcrde. So ist das immer geblieben, ich habe mir f\u00fcr mich in der Tat nie wirklich einen anderen Beruf denken k\u00f6nnen.<br \/>\nNat\u00fcrlich sagen einem alle Menschen, dass man vom Schreiben nicht leben kann, also habe ich nach dem Abitur in Meppen \u2013 der Stadt, in der Manfred Hannemann lebt \u2013 in Berlin studiert: Theaterwissenschaften, Germanistik und Franz\u00f6sisch, um ein \u201ezweites Standbein\u201c zu haben. Aber dann habe ich mich entschlossen, ins kalte Wasser zu springen und meinen ersten Roman zu schreiben. Zehn Jahre habe ich mir gegeben, um ein Buch zu ver\u00f6ffentlichen. Die zehn Jahre sind l\u00e4ngst um, das erste Buch \u2013 ein Roman f\u00fcr Erwachsene mit dem Titel Und Abends mit Beleuchtung \u2013 erschien 1994, und seither habe ich insgesamt achtzehn weitere B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht, Romane, Erz\u00e4hlb\u00e4nde, ein Nachschlagewerk.<br \/>\nNachdem ich zun\u00e4chst nur f\u00fcr Erwachsene geschrieben hatte, las ich eines Tages in einer Zeitschrift von einem Wettbewerb f\u00fcr unver\u00f6ffentlichte Kinder- oder Jugendbuchmanuskripte. Spontan begann ich, zu einem Thema zu schreiben, das mir schon l\u00e4nger im Kopf herumging: Entstanden ist daraus Ein Stern namens Mama (Oetinger 1999, ab 10), mein erstes Kinderbuch, das die Geschichte der 11J\u00e4hrigen Louise erz\u00e4hlt, deren Mutter an Brustkrebs stirbt. Ich hatte gerade ein Drittel geschrieben, als sehr pl\u00f6tzlich mein eigener Vater starb, sechs Wochen sp\u00e4ter eine meiner besten Freundinnen an Krebs und dann noch mein hei\u00dfgeliebter Hund. Jedes Mal legte ich meinen im Entstehen begriffenen Kinderroman weg, entschloss mich aber dann doch, weiter zu schreiben \u2013 eine der besten Entscheidungen meines Lebens, wie ich heute finde, denn das Buch wurde weltweit mein bekanntestes. Es ist in mehrere Sprachen \u00fcbersetzt, in Japan ein Bestseller geworden und in Deutschland auch als Theaterst\u00fcck zu sehen, die Verfilmung befindet sich in der Vorbereitung.<br \/>\nMiteinander sprechen, kommunizieren, das ist, wie man [bei der Lekt\u00fcre des Buches] sicherlich merkt, nicht nur Louise im Roman, sondern auch mir sehr wichtig. Das Schlimmste an Krisensituationen jedweder Art ist f\u00fcr Kinder und Jugendliche oft das beredte Schweigen der Erwachsenen. Aber sie bekommen oft viel mehr mit, als Erwachsene meinen, und sie verkraften auch mehr \u2013 was sich f\u00fcr mich nicht zuletzt auch immer wieder daran zeigt, dass es viele Erwachsene gibt, die sagen, man k\u00f6nne dieses traurige Buch Kindern nicht zumuten.<br \/>\nMeine Erfahrung aber ist, dass bislang noch jeder Erwachsene, ob Mann oder Frau, mir gesagt hat, dass er oder sie bei der Lekt\u00fcre des Buches geweint habe. Bei Lesungen erlebe ich das immer wieder \u2013 Kinder und Jugendliche aber weinen fast nie. Das zeigt mir, dass wir Erwachsene oft meinen, Kindern und Jugendlichen Dinge nicht zumuten zu k\u00f6nnen, die wir selbst nicht ertragen, sie aber sehr wohl. Die vielen Briefe, die ich von Kindern und ganzen Schulklassen (das Buch wird ab 10 Jahren bzw. der vierten Klasse empfohlen) dazu erhalten habe, bekr\u00e4ftigen das.<\/p>\n<p>Auch Leontine in meinem zweiten, 2001 erschienen Jugendbuch Steingesicht hat den Tod ihrer Mutter zu verkraften. In der Folge wird Leo aus der Gro\u00dfstadt Berlin aufs Land zu ihrer Tante verschlagen, wo sie \u00fcberall nur aneckt, erst recht, als sie merkt, dass sie sich mehr f\u00fcr M\u00e4dchen als f\u00fcr Jungs interessiert. Es geht aber ziemlich gut aus f\u00fcr die 15J\u00e4hrige \u2013 auch das ist mir grunds\u00e4tzlich wichtig: dass ich meine Leserinnen und Leser nicht hoffnungslos zur\u00fccklasse. Ich schreibe zwar \u00fcber problematische Themen, aber mir ist es ein Anliegen, zu zeigen, dass es immer auch L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten gibt \u2013 man muss sie nur suchen, und oft hilft allein schon das Bewusstsein, nicht allein zu sein mit seinen Problemen. Andere haben sie auch! Steingesicht empfiehlt sich als Lekt\u00fcre ab der 8.\/9. Klasse, in Taiwan ist dieses Buch \u00fcbrigens zur Zeit Schullekt\u00fcre f\u00fcr die neunten Klassen.<br \/>\nVerlust und der Umgang damit ist, wie vielleicht deutlich geworden ist, eines der gro\u00dfen Themen, die mich in meiner schriftstellerischen Arbeit immer wieder bewegen \u2013 auch in Lametta am Himmel (Oetinger 2004, ab 10) muss die Hauptperson, die elfj\u00e4hrige Kaya, ohne Mutter aufwachsen. Die allerdings ist aus ihrem Dorf im Ostharz vor Jahren mit einem Westmusiker durchgebrannt, und seither schiebt Kayas Vater einen brodelnden Hass auf alle Wessis und K\u00fcnstler. Schwierig wird das, als eines Tages drei Maler in die verfallene Scheune einziehen und Kaya, die wegen eines Geburtsfehlers, eines verwachsenen Auges, von den anderen Kindern verspottet wird, sich mit ihnen anfreundet. Lametta am Himmel betrachtet also unter anderem die Ost-West-Problematik aus Kindersicht, ein Thema, das zusehends in Vergessenheit ger\u00e4t. Bei einer k\u00fcrzlichen Lesung im Saarland wussten von knapp hundert Zehnj\u00e4hrigen gerade noch drei, dass Deutschland mal zweigeteilt war.<br \/>\nIn der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands wiederum lebt Max, der Protagonist meines neuesten Jugendbuches Max in den Wolken (Oetinger 2005, ab 14), der seinerseits einen ganz eigenen Verlust verkraften muss.<br \/>\nAm Ende der [ersten] Szene [im Buch] ist ein Mensch tot. Und Max macht sich auf die schwierige Suche, herauszufinden, was eigentlich passiert ist und vor allem: Warum? Dabei l\u00e4uft ihm im wahrsten Sinne des Wortes ein M\u00e4dchen \u00fcber den Weg, Hanja, die seine erste gro\u00dfe Liebe wird. So ist dieser Roman nicht nur eine Krimi-, sondern auch eine Liebesgeschichte, ein Buch \u00fcber Familie, Trauer, Tod, Verlust, Freundschaft und die Hoffnung auf Gl\u00fcck. Und das werden auch f\u00fcr mich immer die wichtigsten Themen bleiben, privat wie auch beruflich \u2013 was sich f\u00fcr mich ohnehin nicht trennen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>*Gek\u00fcrzte Fassung eines Vortrages vom Mai 2006, gehalten anl\u00e4sslich des Seminars \u201eLeser treffen Autoren\u201c der Deutschen Akademie f\u00fcr Kinder- und Jugendliteratur in Volkach. Eine l\u00e4ngere schriftliche Fassung findet sich in: Kurt Franz und Paul Maar (Hrsg.), Leser treffen Autoren. Schriftenreihe der Deutschen Akademie f\u00fcr Kinder- und Jugendliteratur Band 35, Schneider Verlag, Hohengehren 2006<br \/>\n**[Anmerkungen durch die Autorin]<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Karen-Susan Fessel:<\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">B\u00fccher waren von Anfang an meine sch\u00f6nsten Geschenke<\/h2>\n<p>Manchmal kann ich es immer noch nicht so ganz glauben, aber es ist wahr: Ich bin tats\u00e4chlich Schriftstellerin geworden! Ich mache das, was ich mein ganzes Leben lang machen wollte &#8211; ich schreibe B\u00fccher, und ich kann sogar davon leben.<\/p>\n<p>Angefangen hat es, als ich f\u00fcnf Jahre alt war. Da gingen mein Bruder und meine Schwester schon zur Schule, und wenn sie nach Hause kamen, setzte ich mich mit ihnen an den Tisch und machte mit beim Hausaufgabenmachen. So habe ich lesen gelernt, und schon beim ersten Buch, das ich selber lesen konnte &#8211; &#8222;Rumpelstilzchen&#8220; -, da dachte ich, dass es das Sch\u00f6nste und Aufregendste und Geheimnisvollste auf der ganzen Welt sein muss, sich Geschichten auszudenken und sie f\u00fcr andere Menschen aufzuschreiben. Und das finde ich immer noch!<\/p>\n<p>Bei uns zu Hause hatten wir nicht besonders viel Geld. Meine Eltern hatten beide das Gymnasium nicht geschafft und sie konnten uns Kindern nicht viel Bildung mitgeben, aber was wir bekamen, das waren B\u00fccher. Meine Mutter fuhr vor unseren Geburtstagen immer mit dem Fahrrad in die Stadt, setzte sich in die Buchhandlung (damals gab es dort noch eine richtige Lese-Ecke, wo man stundenlang sitzen und lesen konnte) und las und las und las. Sie las alles selbst vorher durch, was sie uns schenkte, und ich finde, sie hat meistens wirklich gute B\u00fccher ausgesucht.<\/p>\n<p>Von Anfang an waren B\u00fccher meine sch\u00f6nsten Geschenke, und so ist es heute noch. Mein Elternhaus ist voll gestopft mit B\u00fcchern, sogar auf dem Klo stehen B\u00fccherregale, und auch bei mir und meinen Geschwistern ist das so.<br \/>\nIch wusste also schon immer, dass ich nichts anderes au\u00dfer Schriftstellerin werden wollte. Aber ich wusste nicht, wie man das wird. Und da mir kein Mensch das sagen konnte, habe ich dann einfach damit angefangen, es mir selbst beizubringen.<br \/>\nMein erstes Buch hie\u00df &#8222;Der Fuchs und der Hase&#8220; und es bestand aus lauter Tiergeschichten. Ich hab es mit meiner kleinen gelben Reiseschreibmaschine geschrieben, die ich zum siebten Geburtstag bekommen hatte (das war allerdings auch ein sehr, sehr sch\u00f6nes Geschenk!). Ich habe Bilder dazu gemalt, zu jeder Geschichte eins, und die Bl\u00e4tter habe ich mit der Puppen-n\u00e4hmaschine von meiner Schwester zusammengen\u00e4ht. Sp\u00e4ter habe ich es auf dem Flohmarkt verkauft, f\u00fcr eine Mark. Tja, heute g\u00e4be ich viel drum, es wiederzuhaben.<\/p>\n<p>Und dann habe ich immer weitergeschrieben, viele Geschichten, und studiert habe ich, Deutsch und Franz\u00f6sisch und Theaterwissenschaft, weil ich dachte, ich k\u00f6nnte im Zweitberuf vielleicht Regisseurin werden. Denn alle sagten immer, dass nur ganz wenige es schaffen, Schriftsteller zu werden, und dass man sowieso nicht davon leben kann, nur ganz, ganz, ganz wenige Leute, und die sind sooooo ber\u00fchmt, wie kein normaler Mensch es je wird. Aber das stimmt nicht. Man muss ganz viel daran arbeiten und braucht viel Gl\u00fcck und Leute, die einen gut finden und unterst\u00fctzen, und man braucht wohl auch einfach Talent. Aber es geht eben doch!<\/p>\n<p>Und deshalb habe ich meinen Zweitberuf bis jetzt gar nicht gebraucht. Aber gut war das Studieren trotzdem, denn man kann ja doch etwas f\u00fcrs Schriftstellern lernen: wie man seine Gedanken besser ordnet und wie man eine gute Inhaltsangabe macht und wie man eher weniger Worte nimmt anstatt viele, wenn man nur eine kleine Sache erz\u00e4hlen will.<br \/>\nUnd als ich fertig studiert hatte, bin ich einfach ins kalte Wasser gesprungen und habe nachts bei der Post gearbeitet und Briefe sortiert und tags\u00fcber mein erstes Erwachsenenbuch geschrieben, und das ist dann auch angenommen worden von einem Verlag, und so ging es dann weiter. Erst habe ich eine ganze Reihe von B\u00fcchern f\u00fcr Erwachsene geschrieben, und als ich gemerkt habe, dass das wirklich das Richtige f\u00fcr mich ist, da habe ich dann auch Lust bekommen, f\u00fcr Kinder und Jugendliche zu schreiben.<br \/>\nWeil B\u00fccher f\u00fcr mich doch so wichtig gewesen waren, als ich ein Kind war. Ich wollte schon immer wissen, was andere Leute denken und f\u00fchlen. Denn jeder von uns hat ja nur sein eigenes Leben und seine eigenen Gedanken, aber wenn man B\u00fccher liest, kann man noch ganz viele andere Leben dazu erleben und viele andere Gedanken denken und ganz viel \u00fcber andere Menschen erfahren, und das ist das Spannendste, was es gibt auf der Welt! Jedenfalls f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Und deshalb schreibe ich auch keine Fantasieb\u00fccher, sondern Geschichten, die so wirklich passieren k\u00f6nnten. Aus dem wirklichen Leben. Und das ist ja nun nicht gerade immer lustig und leicht und heiter. Nein, im Gegenteil!<br \/>\nIch bin eigentlich ein fr\u00f6hlicher Mensch, aber ich schreibe viel Trauriges, Ernstes, Schwieriges. In meinen B\u00fcchern geht es fast immer um Kinder und Jugendliche [und Erwachsene], denen es nicht so besonders gut geht oder die es nicht besonders leicht haben.<br \/>\nIch glaube n\u00e4mlich, dass das helfen kann, wenn es einem selbst nicht so gut geht: wenn man sieht, dass andere die gleichen oder \u00e4hnliche Probleme haben oder vielleicht auch viel, viel schlimmere und dass sie daran trotzdem etwas \u00e4ndern k\u00f6nnen.<br \/>\nDaran glaube ich: Auch, wenn es einem noch so schlecht geht und man traurig ist oder ungl\u00fccklich oder krank, man kann immer etwas zum Besseren \u00e4ndern. Ob allein oder mit anderen zusammen. Und manchmal hilft dabei auch ein Buch!<\/p>\n<p>Als ich gerade mein erstes Kinderbuch [&#8222;Ein Stern namens Mama, Oetinger 1999] angefangen hatte zu schreiben, ist kurz darauf mein Vater gestorben. Das war ganz sch\u00f6n schwer, denn mein erstes Kinderbuch sollte ja die Geschichte von Luise erz\u00e4hlen, deren Mutter an Krebs stirbt. Mein Vater ist zwar nicht an Krebs gestorben, sondern an einer Blutkrankheit, aber kurz darauf ist eine meiner besten Freundinnen an Krebs gestorben und ein bisschen sp\u00e4ter starb dann noch mein Hund, den ich sehr lieb gehabt hatte. So musste ich mein Buch dreimal unterbrechen, aber am Ende habe ich es doch noch fertig geschrieben. Ich habe es meinem Papa gewidmet.<\/p>\n<p>Wie gesagt, das Leben ist nicht immer lustig und leicht. Aber B\u00fccher lesen kann helfen. Und wenn eines meiner B\u00fccher auch nur einen einzigen Menschen tr\u00f6stet, ihm Mut oder Freude macht oder hilft, andere Menschen besser zu verstehen, dann hat sich f\u00fcr mich das ganze Schreiben schon gelohnt!<br \/>\n(aus: Oetinger Lesebuch, Almanach 2001\/2002, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2001 [Anmerkungen von der Autorin])<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Karen-Susan Fessel<\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Leseerlebnisse<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da ich sowohl f\u00fcr Kinder und Jugendliche wie auch f\u00fcr Erwachsene schreibe, habe ich ganz unterschiedliche Erfahrungen mit \u00f6ffentlichen und auch Schullesungen gemacht. Allen gemein ist aber: Es macht mir ungeheuer viel Spa\u00df, aus meinen B\u00fcchern zu lesen und mit dem Publikum zu diskutieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nat\u00fcrlich macht es einen Unterschied aus, ob man als Erwachsener freiwillig zu einer Lesung oder als Sch\u00fcler sozusagen \u201ezwangsverpflichtet\u201c wird, aber ich glaube guten Gewissens sagen zu k\u00f6nnen, das meine Lesungen dem weitaus gr\u00f6\u00dften Teil meines Publikums Freude gemacht haben. Und mir pers\u00f6nlich auch! Ich lese ausgesprochen gern vor, (&#8230;) was eventuell ja auch daher r\u00fchrt, dass ich in der 6. Klasse den j\u00e4hrlichen Vorlesewettbewerb an meiner Schule gewonnen habe \u2013 der zweite Sieger ist \u00fcbrigens auch Schriftsteller geworden \u2026<\/p>\n<p>In all den Jahren meiner \u201eKarriere\u201c als Vorleserin kann ich mich nur an h\u00f6chstens drei Schullesungen erinnern, die mir nicht besonders gefallen haben (eine davon war \u00fcbrigens vor einer achten Klasse eines s\u00fcddeutschen Elitegymnasiums. Nie zuvor und nie danach habe ich so uninteressierte, freche und unversch\u00e4mte Sch\u00fcler erlebt wie an dieser Schule. Und einen Lehrer, der sich hinter der letzten Bank wegduckte). Daf\u00fcr an hunderte sch\u00f6ne, spannende, interessante und ber\u00fchrende Lesungen. Immer in Erinnerung haften wird mir eine Lesung vor einer Schweizer Kleinklasse, in der die lernschwachen Sch\u00fclerInnen zusammen unterrichtet werden. Der Lehrer bat mich vorher, mir nichts daraus zu machen, wenn die Sch\u00fclerInnen nicht zuh\u00f6rten und l\u00e4rmten, sie seien das Lesen nicht gewohnt und verst\u00fcnden aufgrund von Sprachproblemen oft auch nur wenig.<\/p>\n<p>Aber die Lesung war ein voller Erfolg, f\u00fcr alle Beteiligten. Alle 13 Sch\u00fclerInnen h\u00f6rten wie gebannt zu, als ich aus \u201eUnd wenn schon!\u201c vorlas \u2013 mit verminderter Lesegeschwindigkeit, wie in der Schweiz oder vor des Deutschen nicht sonderlich m\u00e4chtigem Publikum ohnehin \u00fcblich \u2013, und hinterher kamen Fragen bis weit \u00fcber die angesetzte Lesungszeit hinaus. Aus den Fragen wurde dann ein richtig intensives Gespr\u00e4ch zwischen den Sch\u00fclern, dem Lehrer und mir. Das war wirklich ein sch\u00f6nes Leseerlebnis!<\/p>\n<p>Ohnehin lese ich gern vor gemeinhin als schwierig empfundenem Publikum, als was alle Klassen ab der 8. gelten. Sicherlich ist es unkomplizierter und entspannender, vor begeisterten Zehnj\u00e4hrigen zu lesen, die einem nahezu an den Lippen h\u00e4ngen und hinterher wissen wollen, ob man ein Lieblingstier hat und verheiratet ist, als sich einer gelangweilt oder genervt dreinblickenden Schar von breitbeinig dasitzenden Jungm\u00e4nnern und sp\u00e4tpubertierenden M\u00e4dchen zu pr\u00e4sentieren, und das auch noch mit dem \u201eUncoolsten\u201c, was es derzeit gibt \u2013 einem Buch!<br \/>\nAber umso spannender finde ich es, wenn dann der Bann bricht und die Gesichter der Zuh\u00f6rerInnen sich \u00f6ffnen, sp\u00e4testens dann, wenn sie merken, dass es in meinen B\u00fcchern nicht um mich, sondern um sie geht, dass sie hinterher tats\u00e4chlich fragen d\u00fcrfen, was sie wollen, und dass ich versuche, ihnen wirklich zu antworten.<\/p>\n<p>Und darum geht es letztendlich auch in meiner Arbeit: ins Gespr\u00e4ch miteinander zu kommen, sich ein bisschen zu \u00f6ffnen f\u00fcr Neues, den anderen und seine Standpunkte kennen zu lernen und vielleicht auch zu akzeptieren, zumindest aber zu tolerieren. B\u00fccher k\u00f6nnen den Weg dahin ebnen. Und Lesungen auch!<\/p>\n<p>Aus: Kurt Franz\/Paul Maar (Hg.), Leser treffen Autoren. Schriftenreihe der Deutschen Akademie f\u00fcr Kinder und Jugendliteratur, Band 35. Schneider Verlag, Hohengehren 2006<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Einlesen: f\u00fcnf\u00a0Texte zur schriftstellerischen Arbeit Karen-Susan Fessels *** Nachwort von Karen-Susan Fessel zur neu erschienen Taschenbuchausgabe von &#8222;Ein Stern namens Mama&#8220; An einem kalten Tag im M\u00e4rz 1998 setzte ich mich an meinen Schreibtisch, um den Anfang meines ersten Jugendbuches \u2013 drei B\u00fccher f\u00fcr Erwachsene hatte ich zuvor schon ver\u00f6ffentlicht \u2013 zu schreiben. 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