Karen-Susan Fessels Dreimonatsbotin Nr. 2/2024 // Neuigkeiten aus dem vierten Stock

Hier kommt die zweite Ausgabe der Dreimonatsbotin von Karen-Susan Fessel – mit Notizen, Gedanken und Terminen vom Schreibtisch aus dem vierten Stock in Berlin-Kreuzberg!

Wem sie gefällt: liebend gern weiterempfehlen! Eine kurze Mail mit dem Hinweis „Monatsbotin gewünscht“ an kontakt@karen-susan-fessel.de – und schon liegt sie je um den 15. des März/Juni/September/Dezember im virtuellen Briefkasten … Wer lieber Ruhe wünscht, desgleichen!

Viel Spaß beim Lesen wünscht Karen-Susan Fessel!

Der Frühling ist rum, und der Sommer ist da – zum Glück (noch) nicht so heiß wie in den vergangenen Jahren.

Das ist auch gut so, denn bei meinen verschiedenen Veranstaltungen seit Mitte März, dem Erscheinen der ersten Dreimonatsbotin, hätte ich extreme Temperaturen nicht gebrauchen können. Vor allem nicht, weil ich unmittelbar nach meiner ersten Schullesung für die 8. Schnelllernerklassen des Berliner Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in der Pankower Janusz-Korczak-Bibliothek zum zweiten Mal von Corona erwischt wurde und im Anschluss gleich knapp  drei Wochen flachlag. 

Frisch genesen, las ich am 4. April in der Berliner Seniorenresidenz Palais am Katharinenhof aus „Mutter zieht aus„, um mich dann am Montag darauf meinem um zwei Wochen verschobenen Jahresonlineworkshop „Leg endlich los – schreib dein Buch!“ zu widmen.  Sieben hochmotivierte Teilnehmer*innen arbeiten dabei konzentriert mit mir an ihren verschiedenen Buchprojekten, eine wahre Freude!

Und bevor die mittlerweile zehnte Neuauflage des Online-Workshops für die Aids-Hilfe NRW dann zu meinem und dem Bedauern der zehn Teilnehmenden Anfang Mai ihr (hoffentlich nur vorläufiges) Ende fand, las ich zum wiederholten Mal an meiner Lieblingsgrundschule „Menschenskinder“ in Schönwalde-Glien aus meinen Kinder- und Jugendbüchern. Am 7. Mai dann ging es in die Stadtbücherei Falkenhagener Feld in Berlin Spandau zu einer 1./2. und dann 6. Klasse, am Tag darauf in die Stadtbücherei Schöneberg, um endlich meine mehrfach verschobene Premiere aus „Einfach nur Noni“ abzuhalten. Und einen Tag später las ich dann auf Einladung der Usher-Gesellschaft aus „Blindfisch“; ein jeweils komplett unterschiedliches Publikum an drei aufeinanderfolgenden Tagen – genau das sind die Nuancen, die meine Arbeit so spannend und abwechslungsreich machen.

Am nächsten Wochenende dann reiste ich mit meiner Liebsten, meinem Freund Stefan und beiden Hunden – seit Ende April haben wir zu unserem mittlerweile vierzehn Jahre alten Luki eine sechsjährige, zwei Kilogramm leichte und sehr lustige Chihuahuahündin namens Elli aus dem Berliner Tierheim dazu aufgenommen – für ein paar Tage ins wunderschöne tschechische Karlsbad.  Für die Thermalbäder hatten wir zwar keine Muße, aber dennoch durchaus erfrischt durch diese Kurzreise ging es dann für mich gleich weiter zur 29. Hildesheimer Kinder- und Jugendbuchwoche, um vor mehreren Schulklassen in Hildesheim und der Schulrat-Habermalz-Schule in Alfeld zu lesen.

Und danach: endlich wieder mal Frankreich, eine Rundreise mit Freundin und Hunden, knapp 3.500 Kilometer in acht Tagen: Berlin – Mosel – Trier – Luxemburg – Ardèche – Camargue – Alpen – Französisches Jura – Breisgau – Schwäbische Alp – Berlin.  Tolle Fahrt, und im Mittelmeer habe ich auch gebadet!

Lesung in Neuendettelsau in der leider von Schließung bedrohten, gut sortierten Campus-Bibliothek
In der Bühlertalhalle in Bühlertann mit der Organisatorin, Lehrerin Angelika Kreidler

Kaum zurück, ging es dann wieder los zu Schullesungen, zunächst am 12. Juni nach Bühlertann in der Hohenlohe, um dort am Schulzentrum für die 5./6. und 9. Klassen der Haupt- und Werkrealschule zu lesen, danach am folgenden Tag ins Laurentius-Gymnasium in Neuendettelsau zu den Klassenstufen 7, 8 und 9, perfekt organisiert von der engagierten Lehrkraft Eva Wutschka . Das waren denkwürdige und schöne Veranstaltungen, die mir viel Freude gemacht haben. Den Schreck über die schlimmen Wahlergebnisse der Europawahl konnten auch sie natürlich nicht mildern, aber es macht Mut, so viele  junge Menschen vor sich sitzen zu sehen, die Interesse daran haben, sich mit auch schwierigen Thematiken auseinanderzusetzen.

In Neudettelsau empfingen mich übrigens gleich ein Dutzend hingebungsvoll gestalteter Plakate zu meinen Jugendbüchern, auf denen ich auch gleich die Bewertung sehen konnte, die sich zwischen 3,5 und 5 Sternen bewegte. Ein durchaus zufriedenstellendes Ergebnis!

Nun aber heißt es durchatmen – bevor am 23. Juni die nächste und letzte Lesung vor der Sommerpause ansteht, diesmal aus „Und wenn schon“ beim  Bahnhofsfest Hangelsberg. Vorher aber bin ich auch noch mit fünf eintägigen Schreibworkshops für je eine Berliner Sekundarschule, eine Förderschule und ein Gymnasium dabei, um für das im September stattfindende Festival „30 Jahre Theater Morgenstern“ mit den Schüler*innen Geschichten zum Thema Kinderrechte zu entwickeln, die dann vom Theater spielerisch umgesetzt werden.

Ende Juli wartet dann der einwöchige Schreibworkshop im Rahmen der Sommerakademie in der niedersächsischen Akademie Waldschlösschen, am 20. August steht eine Lesung in der Stadtbücherei Magdeburg aus „Einfach nur Noni“ an. Und danach springt auch schon wieder die neue Dreimonatsbotin in den Startlöchern … 

Wann dazwischen eigentlich noch Zeit zum Schreiben ist? So gut wie gar nicht. Aber das macht nichts, denn ein neues Buch werde ich nicht vor dem Herbst beginnen – mit Ausnahme des zur Zeit noch in Arbeit befindlichen Bilderbuchs für den Psychiatrie-Verlag, das frühestens im kommenden Jahr erscheinen wird.

Einen schönen Sommer wünscht Karen-Susan Fessel

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Lesungen: 23. Juni, Hangelsberg, Historischer Bahnhof, 12h: „Und wenn schon“ / 20. August, Magdeburg, Stadtbücherei, 19.30h: „Einfach nur Noni“

Online-Workshops: Die nächste Kreativ-Quickies starten am 3. September und 1. Oktober; Informationen und Anmeldung auch für die Onlineworkshops „Mein Buch“ und „Biografisches Schreiben“ und das Einzelcoaching unter www.karen-susan-fessel.de/seminare

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Ausgelesen: Tobias Rüther: Herrndorf. Eine Biographie. Rowohlt, Hamburg 2023. // Mit „Tschick“, dem rasanten Roadmovie, stieg der vorher wenig erfolgreiche Maler Wolfgang Herrndorf zum literarisches Superstar und in den Kanon der Jugendliteratur auf, aber mein Interesse weckte er mit seinem postum in Buchform veröffentlichten Blog „Arbeit und Werk“, in dem er nicht nur seine Umwelt portraitierte, sondern vor allem seine persönliche Entwicklung im Laufe seiner Krebserkrankung schilderte. Dem Tod durch Hirntumor kam Herrndorf nur knapp zuvor, indem er sich am Ende selbst das Leben nahm. Rüthers ein wenig detailverliebte Biographie zeichnet das Leben des Malers und Autors präzise nach, stilisiert ihn aber ein wenig zu sehr zum „größten deutschsprachigen Schriftsteller seiner Generation“ hoch. Ob Herrndorf selbst das peinlich gewesen wäre? Oder ob er stolz darauf gewesen wäre? Eigentlich hätte ich erwartet, am Ende einer solch wuchtigen Biografie eine solche Frage beantworten zu können, aber mit diesem letzten Satz in seiner Biographie ist es wie mit der Biographie selbst:  So richtig nahegekommen bin ich dem Autor Herrndorf dadurch eben nicht. // Lucy Clarke: The Hike. Nicht alle kommen zurück. dtv, München 2024 / Mal wieder ein recht spannender Thriller, der in der unwirtlichen Berglandschaft Norwegens spielt: vier alte Freundinnen machen sich auf eine gemeinsame Wanderung. Unerfahren im Hiken, geraten die sehr unterschiedlichen Frauen von einem Missgeschick ins nächste, und plötzlich geht es nicht mehr um ein gemeinsames Vergnügen, sondern um einen Kampf auf Leben und Tod. Und nicht alle kommen wieder zurück … Abgesehen davon, dass mir sehr früh klar war, welche der vier Freundinnen am Ende ums Leben kommen wird, hat mit der gut konstruierte Roman durchaus Spaß gemacht. Solides Thriller-Handwerk und ein spannendes Setting.

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Unter der Lupe: Meine Werke

Nr. 8: Boris Belasko: Einer wie ich (1999)

Fast zeitgleich mit „Ein Stern namens Mama“, meinem bislang erfolgreichsten Buch, erschien im Herbst 1999 ein Experiment: Unter dem Pseudonym Boris Belasko veröffentlichte ich im Berliner Querverlag den erotisch aufgeladenen und mit schwulen Sexszenen versehenen schmalen Roman „Einer wie ich“ – der prompt in der Kategorie „Bestes Buch“ für den Siegessäule Award nominiert wurde. Mein geheimer Plan hatte also bestens funktioniert – ich wollte einfach gern wissen, ob ich auch schwule Literatur schreiben kann; immerhin hatte ich mit „Heuchelmund“ und mehreren Kurzgeschichten bereits bewiesen, dass mir das Schreiben erotischer Literatur bestens liegt.

„Einer wie ich“ erzählt die Geschichte des jungen Arztes Lennart, der von Lust und Sehnsucht getrieben durch die Berliner Nächte geistert und parallel dazu als Arzt für junge Krebspatienten arbeitet. Letzteres nimmt ihn derart mit, dass er seelisch in eine extreme Schieflage gerät und sich fragen muss, ob er seinem Beruf auf Dauer noch gewachsen ist. Und dann trifft er auf einen anderen Mann, der etwas tief in ihm berührt und ihn damit noch mehr durcheinanderbringt. Auf einmal steht alles Kopf …

Die Besprechungen und Rezensionen waren in der Hauptsache positiv, erst im letzten Jahr schrieb ein Leser auf Amazon: „Wahnsinn! Außergewöhnlich. Rauh. grob, hart und doch auch kunstvoll und berührend. Dieses Buch hat mich total geflasht! Total beeindruckt und wirklich berührt. Der Charakter, und somit auch die Sprache, wirken rau, grob und hart. Doch er nimmt seine Umwelt sehr genau war. Und hinter den oft abschätzigen Beobachtungen steckt eine Sensibilität, die im Verlauf der Geschichte immer öfter durchscheint.“

Als der Roman dann auch noch im Frühjahr 2000 für einen weiteren Preis in der schwulen Literaturszene nominiert wird und eine Lesung daraus ansteht, muss ich natürlich gegenüber den Veranstaltern Farbe bekennen. Die reagieren so gar nicht amüsiert, sondern eher verärgert: „Eine Frau hat diesen geilen Roman geschrieben? Frechheit! Das ist aber dreist!“

Zu der Lesung kam es natürlich nicht, und die Nominierung wurde umgehend gecancelt; eigentlich ärgerlich, denn prämiert werden sollte ja nicht ein schwuler Autor, sondern das Buch selbst.

Natürlich kann man als schwuler Leser irritiert sein, wenn man feststellt, dass ausgerechnet eine Frau die eigenen sexuellen Gelüste perfekt beschreiben und literarisch bedienen kann, aber ich finde es nach wie vor eine gelungene Übung – die überdies gezeigt hat, dass es mit einem männlichen Namen offenbar schneller gelingen kann, die Heiligen Hallen der Literaturpreise zu erobern. In jedem Fall aber haben mir der Roman und sein Erfolg bewiesen, dass es mir durchaus möglich ist, über (fast) alles zu schreiben – denn genau das ist ja mein Beruf: mich in andere Figuren hineinzuversetzen, mit denen ich selbst eventuell herzlich wenig gemein habe. Was das angeht, gibt es meiner Überzeugung nach für Schriftsteller*innen keine Grenzen, und damit ist dann auch für mich die in letzter Zeit immer wieder heißdiskutierte Frage beantwortet, ob nicht eigentlich nur Angehörige von Minderheiten über Probleme von Minderheiten schreiben können oder dürfen und alles andere eine Form kultureller Aneignung sei und damit im Grunde ungehörig: Nein. Schriftsteller*innen können und dürfen über alles schreiben, vorausgesetzt, sie machen es gut.

Boris Belasko: Einer wie ich. Roman. Querverlag, Berlin 1999. Nur noch antiquarisch erhältlich.

Karen-Susan Fessels Dreimonatsbotin Nr. 1/2024 // Neuigkeiten aus dem vierten Stock

Hier kommt die erste Ausgabe der Dreimonatsbotin von Karen-Susan Fessel – mit Notizen, Gedanken und Terminen vom Schreibtisch aus dem vierten Stock in Berlin-Kreuzberg!

Wem sie gefällt: liebend gern weiterempfehlen! Eine kurze Mail mit dem Hinweis „Monatsbotin gewünscht“ an kontakt@karen-susan-fessel.de – und schon liegt sie je um den 15. des März/Juni/September/Dezember im virtuellen Briefkasten … Wer lieber Ruhe wünscht, desgleichen!

Viel Spaß beim Lesen wünscht Karen-Susan Fessel!

Seit Ende Januar bin ich wieder ins aktive Autorinnenleben eingestiegen, gar nicht so einfach nach knapp zehn Monaten  krankheitsbedingter Pause. Aber die Aids-Hilfe NRW als Veranstalter und die ungemein netten Teilnehmer*innen des Schreibworkshops für HIV-Positive in der Akademie Biggesee in Attendorn machten es mir wirklich leicht. So leicht, dass ich unmittelbar danach wieder mit Schwung die neunte Runde  des ebenfalls von der Aidshilfe NRW e.V. veranstalteten wöchentlichen Onlineworkshops eröffnen konnte. Im Laufe der folgenden sechs Wochen entstanden zahlreiche bewegende, spannende, heitere und nachdenklich machende Texte über das Leben mit HIV, von denen es sicher viele in die geplante Buchveröffentlichung zu „40 Jahre HIV und AIDS in Deutschland“ schaffen werden. 

Und dann startete am 25. Februar auch mein Jahresworkshop „Leg los – schreib endlich dein Buch“ mit sieben hochmotivierten Teilnehmer*innen, die ein eigenes Buch-oder Erzählprojekt in Planung oder Arbeit haben. In zehn Zoom-Gruppensitzungen und je zwei Einzelsitzungen werden die Teilnehmer*nnen am Ende des Jahres vielleicht ein fertiges Manuskript in den Händen halten, zumindest aber ihrem Ziel ein gutes Stück nähergekommen sein.

Ins eigene Schreiben bin ich noch nicht wieder gekommen, aber natürlich habe ich einiges in Planung bzw. Arbeit: Zur Zeit arbeite ich an den Exposés für zwei Bilderbücher, die im Psychiatrie-Verlag/Balance Medien erscheinen sollen. Ein Kinder- und ein Jugendbuch sind auch angedacht, und für ein weiteres Buch für Erwachsene mache ich Notizen. Mal sehen, was dann als Erstes geschrieben wird …

Die ersten Schullesungen liegen auch schon wieder hinter mir: vom 5. bis 7. Januar war ich wieder einmal zu Gast in einer meiner Schweizer Lieblingsschulen, dem Schulhaus Spitz in Kloten. Die gesamte 1. Sekundarstufe (die 7. Klassen, umgerechnet auf deutsche Verhältnisse ) hatte sich mit teils extrem fantasiereich gestalteten Plakaten auf die vier Lesungen aus „Und wenn schon!“, „Schattenblicke“ und anderen Büchern vorbereitet; rundum gelungene Veranstaltungen, die mir dann auch den durch den neuerlichen Streik erzwungenen Umstieg von der Bahn aufs Flugzeug versüßten.

Und den Jahresbeginn versüßten mir auch die soeben erschienenen Neuauflagen von „Selina Stummfisch“ und „Nebeltage, Glitzertage“ im Psychiatrie-Verlag, dazu auch die neue , exklusiv für Aldi (!) herausgegebene Sammelbandausgabe meines „???-Kids“-Bandes „Achtung, Katzendiebe“, den ich vor nunmehr zehn Jahren zusammen mit Regina Nössler für den Kosmos-Verlag verfasst habe.

Nun aber stehen neben den weiterlaufenden Online-Workshops gleich 18 Lesungen bis Mitte Juni an, und zwar in Berlin, Schönwalde/Glien, Hildesheim und Neuendettelsau.

Einen in jeder Hinsicht milden Frühling bis dahin wünscht Karen-Susan Fessel

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Lesungen: 19. März, Berlin, Rosa-Luxemburg-Gymnasium/Janusz-Korczak-Bibliothek: „Einfach nur Noni“ / 4. April, Berlin, Seniorenresidenz Katharinenhof: „Mutter zieht aus“ / 25. April, Schönwalde-Glien, Grundschule Menschenskinder: u.a. „Und wenn schon“ / 7. Mai, Berlin, Stadtteilbücherei Falkenhagener Feld: „Frieda Fricke“ / 8. Mai, Berlin, Bibliothek Schöneberg: „Einfach nur Noni“ / 9. Mai, Berlin, Usher-Gesellschaft: „Blindfisch“ / 16./17. Mai, Hildesheim, Kinder- und Jugendbuchwochen: u.a. „Einfach nur Noni“ / 13. Juni, Neuendettelsau, Laurentius-Gymnasium: u.a. „Achtung, Mädchen gesucht!“ 

Online-Workshops: Die nächste Kreativ-Quickies starten am 2. April und 2. Mai; Informationen und Anmeldung auch für die Onlineworkshops „Mein Buch“ und „Biografisches Schreiben“ und das Einzelcoaching unter www.karen-susan-fessel.de/seminare

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Ausgelesen: Verena Stefan: Ein Riss im Stoff des Lebens. Memoir. Nagel und Kimche Verlag, Zürich 20216 // Im Zuge meiner Lymphknotenkrebserkrankung habe ich alle biografischen Berichte zum Thema gelesen, die mir untergekommen sind – dieses hier hat mich mit am meisten beeindruckt und mir Mut gemacht. Dass die Schweizer Autorin im Jahre 2017 an metastasierendem Brustkrebs verstorben ist, vierzehn Jahre nach der Erstdiagnose, hat meine Lesefreude keineswegs geschmälert. Verena Stefan, mit ihrem feministischen Standardwerk „Häutungen“ 1975 bekannt geworden, berichtet in ihrem sehr klugen und bewegenden Erfahrungsbericht mit großer Offenheit von ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit von Gesundheit, Kraft und Körpergefühl. Dass sie ihre Leserschaft daran hat teilhaben lassen, war sicherlich ein enormer Kraftakt, für den ich persönlich ihr dankbar bin. // Ruth Schweikert: Tage wie Hunde. Fischer Taschenbuch, 2023 // Und dies ist das zweite Buch auf meiner Liste beeindruckender Krebs-Biografien: ebenfalls 2023 erschienen, ebenfalls von einer Schweizer Autorin, die ebenfalls an Brustkrebs verstorben ist; unmittelbar leider, bevor ich die Lektüre ihres letzten, gerade erschienenen Romans begonnen habe. Äußerst eindringlich erzählt Schweikert von der schockierenden Diagnose und den darauffolgenden schlaflosen Nächten, der Angst und den Schmerzen, dem verzweifelten Hoffen und Bangen und dem Prozess, sich der eigenen Sterblichkeit rasch annähern zu müssen, weil nicht mehr viel Zeit bleibt, vor allem keine Zeit für Verdrängung. Ein absolut fesselndes Buch, das ich mit Sicherheit schon gern früher gelesen hätte – und allen ans Herz legen möchte.  // Monika Maron: Das Haus. Hoffmann und Campe, Hamburg 2023 //  Eva, alternde Autorin, ergreift eher widerwillig die Chance, in ein großes Haus mit vielen Zimmern zu ziehen, das ihre alte Freundin Katharina geerbt hat und nun zu einem Alterssitz für naturliebende Seelenverwandte machen will. Die bunt zusammengewürfelte Gruppe aus Freigeistern, Künstlerinnen und Pragmatikern aber stößt im Umgang miteinander und dem gemeinsamen Altwerden auf vielerlei Fallgruben, die es mehr oder minder geschickt zu überwinden gilt. Konstrukte und Konzepte werden auf den Prüfstein gestellt, und schließlich steht die Bewohnerschaft erneut vor der existentiellen Frage: Wie, wo und mit wem wollen wir im Alter leben? Maron, mittlerweile 82 Jahre alt, die selbst im hohen Alter noch in ein Haus in der Uckermark gezogen ist, dort aber die Gesellschaft von Hunden der von Menschen vorzieht, hat sich in ihrem sanft dahingleitenden Alterswerk einem höchst spannenden Thema gewidmet, das sicherlich eher für eine Leserschaft jenseits der 50 interessant sein dürfte. Grundlegenden Lebensfragen werden auch hier nicht gelöst, aber kunstvoll literarisch angerissen.

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Unter der Lupe: Meine Werke

Nr. 7: Ein Stern namens Mama (1999)

1998 war ein hartes Jahr für mich – und zugleich das Jahr, in dem ich mein bislang meistverkauftes und erfolgreichstes Buch schrieb:  das Kinderbuch „Ein Stern namens Mama“. Anfang April entdeckte ich in einer Literaturzeitschrift die Ausschreibung zum Astrid-Lindgren-Preis, zu dem ein noch nicht veröffentlichtes Kinderbuch einzuschicken war. Ich nahm es als Fingerzeig, mich endlich des Themas anzunehmen, mit dem ich mich schon seit geraumer Zeit beschäftigte.

Ich kann mich noch genau an die Tage Anfang April erinnern, an denen ich die ersten Seiten schrieb, ohne groß vorher darüber nachgedacht zu haben: erst halb genesen von einer Stirnhöhlenvereiterung, setzte ich mich an meinen Schreibtisch, um wie aus einem Guss die ersten drei Seiten zu tippen. Und dann fiel mir auf, dass ich gleich mehrere Zigaretten hintereinander geraucht hatte, während ich dabei war, die Geschichte der zehnjährigen Louise zu erzählen, deren Mutter an Brustkrebs gestorben ist.

Das fand ich derart unpassend, dass ich die letzte Zigarette ausdrückte und – nach fast zwanzig Jahren als Raucherin – beschloss, dass es jetzt endlich genug damit sei.

Tatsächlich habe ich nie wieder eine Zigarette angerührt. Und während ich in der folgenden Woche immer weiter an „Ein Stern namens Mama“ schrieb – der Titel war mir am ersten Tag eingefallen, und ich bin heute noch froh, dass der Verlag ihn akzeptierte -, kämpfte ich erfolgreich mit dem Drang nach Nikotin. Schließlich rief ich bei meinen Eltern an, um meinem Vater, der selbst jahrzehntelang geraucht und schließlich damit aufgehört hatte, zu berichten, dass ich es endlich geschafft hatte, mit dem Rauchen aufzuhören. Aber das wiederum gelang mir nicht; mein Vater, sagte meine Mutter, fühle sich nicht gut und könne nicht ans Telefon kommen.

Einen weiteren Versuch, ihn zu sprechen, gab es dann nicht mehr; ein paar Tage später lag er bereits im Sterben; ich unterbrach mein Schreiben und reiste in meine Heimatstadt, rechtzeitig genug, um mich in Ruhe von ihm verabschieden zu können.

Danach brach mir der Boden unter den Füßen weg, fast ein halbes Jahr war ich unfähig, abgesehen von meinen Tagebuchnotizen auch nur einen Satz zu schreiben. Erst im Herbst setzte ich mich wieder an das Manuskript, stellte es in einem Rutsch fertig und schickte es ein, gerade noch rechtzeitig vor Einsendeschluss.

Wochen später rief mich Angelika Kutsch, Lektorin des Oetinger-Verlages, an, erklärte mir, dass ich leider nicht den ersten Preis gewonnen habe, aber den zweiten, und fragte mich,  ob ich einverstanden sei, wenn „Ein Stern namens Mama“ im kommenden Programm erschiene. Es sei offenbar ja schon lektoriert, dennoch würde sie es gern noch einmal endlektorieren. Ob das in Ordnung für mich sei?

Und wie in Ordnung das für mich war! Ich hatte das große Los gezogen, so empfand ich es damals – und auch heute noch empfinde ich so. Angelika Kutsch erwies sich als fantastische Lektorin, die leider nach zwei weiteren Büchern den Verlag verließ, mit der ich aber bis heute in Kontakt stehe. Der Verlag Friedrich Oetinger war für mich das Allergrößte, der Astrid-Lindgren-Verlag das Nonplusultra in Sachen Kinderbuch. Unzählige Bücher aus diesem Verlag hatte ich als Kind gelesen und besessen, ein Oetinger-Buch besaß absolute Qualitäts-Garantie, musste einfach gut sein. Und nun würde mein erstes Kinderbuch genau in diesem Verlag erscheinen!

Ich konnte es kaum fassen und spürte zugleich, dass dieser Moment ein entscheidender für meine weitere Karriere als Schriftstellerin sein würde. Von nun an würde ich zweigleisig fahren, Bücher für Erwachsene und Kinder und dann auch Jugendliche schreiben, immer im Wechsel. Ich konnte meine Themen nun auf vielfältige Weise bearbeiten und ausloten – was für ein großes, anspruchsvolles und abwechslungsreiches Vergnügen!

In den folgenden Jahren veröffentlichte ich dreizehn weitere Bücher im Verlag Friedrich Oetinger, aber „Ein Stern namens Mama“ ist bis heute mein wichtigstes Kinderbuch, übersetzt in zahlreiche Sprachen, ein Bestseller in Japan, Schullektüre in China und Taiwan, als Hör- und Theaterstück adaptiert und vielfach aufgeführt. Mehrfach wurden die Filmrechte optioniert, auch als Hollywood ging eine – allerdings dann versandete – Anfrage ein. Fünf verschiedene Ausgaben sind bislang erschienen, die neueste im Psychiatrie-Verlag, der auch das von Heribert Schulmeyer wunderbar illustrierte gleichnamige Bilderbuch veröffentlicht hat.

Ein Stern namens Mama (ab 9)
broschierte Neuausgabe, Psychiatrie Verlag 2021
gebundene Erstausgabe, Oetinger 1999
broschierte Ausgabe, Oetinger 2010
Taschenbuch-Neuausgabe, Oetinger Taschenbuch 2016

So ist „Ein Stern namens Mama“ mein erfolgreichstes Buch und zugleich für immer mit dem Sterben meines eigenen Vaters verknüpft. Dass die Krankheit Krebs, an der Louises fröhliche, liebevolle und eigenwillige Mutter verstirbt, mich im letzten Jahr selbst ereilt hat, könnte man als Ironie der Geschichte bezeichnen. Für mich aber ist all das ein Teil des Lebens; niemand von uns ist davor gefeit, jede*n könnte es treffen, und deshalb ist Krebs auch für uns alle ein potentielles Thema. Und auch das Sterben der eigenen Eltern: unausweichlich, es sei denn, wir sind selbst früher dran.

Bilderbuch, mit Illustrationen von Heribert Schulmeyer. Psychiatrie-Verlag 2018

Was man ansieht, verliert seinen Schrecken. Was man kennt, fürchtet man weniger. Nur das Fremde macht uns Angst. Dagegen hilft unter anderem:  lesen. 

Ein Stern namens Mama. Kinderbuch. Erstausgabe Verlag Friedrich Oetinger 1999; Neuausgabe Psychiatrie Verlag 2021.

Die Monatsbotin April 2023 // Notizen aus dem vierten Stock

Hier kommt die hundertsiebte Ausgabe der Monatsbotin von Karen-Susan Fessel – mit Notizen, Gedanken und Terminen vom Schreibtisch aus dem vierten Stock in Berlin-Kreuzberg!

Wem sie gefällt: liebend gern weiterempfehlen! Eine kurze Mail mit dem Hinweis „Monatsbotin gewünscht“ an kontakt@karen-susan-fessel.de – und schon liegt sie Monat für Monat im virtuellen Briefkasten … Wer lieber Ruhe wünscht, desgleichen!

Viel Spaß beim Lesen wünscht Karen-Susan Fessel!

Was war?

Habe ich nicht gerade in der letzten Monatsbotin über „OUT! 500 berühmte Lesben, Schwule und Bisexuelle“ berichtet, jenes legendäre Nachschlagewerk, das ich 1997 zusammen mit meinem guten Freund Axel Schock verfasst und womit ich versehentlich fast den Querverlag in den Ruin getrieben habe? Ebendieser Axel hat nun – sehr verdient, wie ich finde – soeben den Medienpreis der Deutschen Aids-Stiftung für sein journalistisches Lebenswerk erhalten. Ich gratuliere nochmal auf diesem Wege recht herzlich!

Ich selbst habe mich in diesem schönen März vorrangig der Arbeit an meinem in Arbeit befindlichen Roman gewidmet: „Einfach nur Noni“ (neuer Arbeitstitel) wird im Herbst erscheinen, und nunmehr sind knapp neun von zehn Kapiteln in der Rohfassung fertig und noch ungefähr 25 Seiten zu schreiben. Bis Ende April werde ich abliefern können – dann müssen auch schon das Cover, der endgültige Titel und die Texte für die Verlagsvorschauen, in denen die kommenden Neuerscheinungen angekündigt werden, stehen.

Daneben gingen aber auch die Onlineworkshops „Mein Buch“ und das Individualcoaching weiter, außerdem der zu meiner großen Freude neu aufgelegte Schreibworkshop der Aidshilfe NRW, in dem ich ein Dutzend schreibfreudiger Menschen mit HIV dazu anleite, Texte für eine geplante Broschüre zum Thema „Gut leben mit HIV“ zu verfassen. Immerhin „feiern“ wir in diesem Jahr das 40-jährige Bestehen der Deutschen Aidshilfe, einst vom Verleger Bruno Gmünder und der Krankenschwester Sabine Lange gegründet. 1983 war auch das Jahr, in dem ich mit 18 Jahren nach Berlin zog und in die queere Szene eintauchte, und kurz darauf starben auch schon die ersten Bekannten und Freunde durch diese damals noch tödliche Krankheit, die mittlerweile zu einer gut behandelbaren, chronischen Krankheit gewandelt hat. Was aber leider nicht heißt, dass es nicht immer noch Menschen gibt, die an den Folgen von HIV und Aids sterben; vorrangig im außereuropäischen Ausland, wo die medikamentöse Versorgung und die Behandlungsmöglichkeiten auch nicht annähernd so gut sind wie bei uns. 

Seit damals und bis heute arbeite ich immer wieder für die Deutsche Aidshilfe in diesem Kontext, bereits meine erste Veröffentlichung, die Kurzgeschichte „Der Schneider und die Schneiderin“, mit der ich 1992 für den Wiener Werkstattpreis nominiert wurde, handelte von einem schwulen Paar, das sich mit der Erkrankung und ihren gravierenden Folgen auseinandersetzen muss.

Über meine jahrzehntelange Arbeit mit und für HIV-positive Menschen habe ich unzählige wunderbare Menschen kennengelernt, die mich teilweise bis heute begleiten – darunter eben auch mein Freund Axel Schock, der mich damals mit genau ebenjener Kurzgeschichte zu meiner allerersten bezahlten Lesung eingeladen hatte, und zwar in Halle an der Saale …

Und was war noch? Jawohl, endlich hat jemand das Rätsel erraten: Melanie P. aus Trier ist es gelungen, herauszufinden, bei welchen beiden Büchern ich – nach dem mit Sofia Ghasab verfassten Werk „Selfmadewoman“ als Co-Autorin bzw. Ghostwriterin mit im Impressum stehe … Glückwunsch, die versprochene signierte Buchprämie ist dan nach Erscheinen direkt auf dem Wege zu ihr …

Lesungen standen aber auch noch an, zunächst am 2. März im schönen Glückstadt an der Elbe, wo ich  in der dortigen Bücherstube am Fleth aus „In die Welt“ vorlas, eine Veranstaltung zum Internationalen Frauentag auf Einladung der Gleichstellungsbeauftragten Leonie Amendt. Am 16. März dann trug ich im Aschaffenburger​ Karl-Theodor-v.-Dalberg​-Gymnasium aus „Blindfisch“ und anderen Jugendbüchern vor, genau wie am 21. März im Berliner Rosa-Luxemburg-Gymnasium und am 28. März in der Gustav-Heinemann-Schule im hessischen Borken. Alles in allem lauter sehr schöne Lesungen vor und mit angenehmen Schüler*innen – so kann es gern weitergehen!

Und was kommt? 

Der Endspurt in Sachen „Einfach nur Noni“, die Weiterführung der Onlineworkshops und vorher eine zweitägige Studienfahrt mit Familie und Freunden ins polnische Auschwitz stehen an. Ich war ja schon einmal dort, aber für die anderen ist es eine Premiere – eine, die im Grunde jede*r einmal erleben sollte, meiner Meinung nach. Ich bin gespannt, wie ich den zweiten Besuch empfinden werde – nach dem ersten war ich innerlich noch wochenlang damit beschäftigt …

Und dann stehen auch noch Lesungen an: zunächst am 16. April in Berlin-Kreuzberg, wo ich um 19.30h in der Forum Factory zum Thema „Queere Stimmen in der Literatur: Erfüllt leben, wie lange, ist unerheblich“ lesen werde, eine Veranstaltungsreihe von AHOI artists & events in Zusammenarbeit mit Charlotte zu Kappenstein. Außer mir, die den Reigen beginnt, werden noch fünf weitere Autor*innen aufs Podium treten, jeweils mit einer Viertelstunde Lesezeit. Eine erste Veranstaltung dieses Formats findet bereits am 9. April, also eine Woche vorher, statt.

Am 27. April dann wiederum lese ich erneut in der Grundschule Menschenskinder in Schönwalde-Glien für die drei sechsten Klassen, eine liebgewonnene Tradition – und dort gibt es im übrigen ein famoses Büffet für die Vortragenden, köstlich!

In Planung ist übrigens ein Schreibworkshop in Wien, voraussichtlich am 24./25. Juni; näheres dazu unter aykler.praxis@aon.at.

Einen aufregenden April wünscht Karen-Susan Fessel

Online-Workshops: Der nächste Kreativ-Quickie startet am 2. Mai; Informationen und Anmeldung auch für die neuen Onlineworkshops „Mein Buch“ und „Biografisches Schreiben“ und das Einzelcoaching unter www.karen-susan-fessel.de/seminare

Ausgelesen: Karolin Klemke: Totmannalarm. Begegnungen mit Straftäten. dtv, München 2023 / Klemke, als Psychotherapeutin lange Jahre in der Forensik tätig, beschreibt in diesem wirklich packend geschriebenen Buch ihre Arbeit mit Straftätern, zumeist aufgrund von schweren Verbrechen und Sexualdelikten in die forensische Psychiatrie eingewiesen, aber zugleich auch ihre eigene psychische Entwicklung im Laufe der Jahre. Selten habe ich ein so eindringliches Werk gelesen, in dem sich Selbstkritik und Beobachtungsgabe zu einer hervorragenden Begleitmusik für eine tiefgehende Analyse menschlicher Abgründe paaren. Klemkes scharfer Blick auf die zumeist sehr schwierigen Bedingungen, unter denen die porträtierten Mörder*innen und Vergewaltiger heranwuchsen, versperren weder ihr noch der Leserschaft die klare Sicht auf Brutalität und Wut. Und doch … wie viele Straftaten ließen sich wohl verhindern, wenn alle Kinder mit Liebe und Anerkennung aufwüchsen? // Eva Umlauf mit Stefanie Oswalt: Die Nummer auf deinem Arm ist so blau wie deine Augen. Erinnerungen. Hoffmann und Campe, Hamburg 2016 // In Vorbereitung auf die neuerliche Auschwitz-Reise entdeckte ich diese Erinnerungen, die mich ganz besonders in den Bann schlugen, weil die Autorin noch heute in Deutschland lebt. 1944 im Alter von 2 Jahren mit der schwangeren Mutter nach Auschwitz verschleppt, überlebte Umlauf nur, weil genau in der Nacht zuvor die Vergasungen eingestellt worden waren. Nach der Rückkehr in die Slowakei ging sie dann 1967 der Liebe wegen nach München, um dort als Kinderärztin und Psychotherapeutin zu arbeiten. Heute engagiert sie sich als Zeitzeugin, als eine der letzten noch lebenden weltweit. Ihr Text hat mich besonders bewegt, weil Umlauf viel über ihr Leben im heutigen Deutschland erzählt und dabei erstaunlicherweise nie in Verbitterung verfällt. Ein kostbares Zeitzeugnis!

Unter der Lupe: Meine Werke

Nr. 6: Was ich Moira nicht sage. Erzählungen (1998)

Mein sechstes Buch – und schon der zweite Erzählband! Bis zum nächsten und vorerst letzten dauerte es dann weitere acht Jahre, aber der nächste ist schon angedacht … „Was ich Moira nicht sage“ versammelt 18 Erzählungen von zwischen 4 und 30 Seiten Länge auf insgesamt 237 Seiten, in den Jahren 1992 bis 1998 entstanden; die letzte davon tippte ich noch kurz vor Erscheinen in die Tasten, so dass mein Verleger Jim Baker sie erst am Drucktag zu lesen bekam – und herzhaft darüber lachte, denn es handelte sich um „Ein super Geschenk“ …

Zahllose Lesungen habe ich mit Texten aus diesem Buch gehalten, der Favorit: „Ein super Geschenk“, eine Geschichte, in der ich meinen langjährigen Kohlenhändler verewigt habe, der seinerzeit alle meine (bis dato fünf) Bücher für seine Tochter kaufte, was mich damals durchaus mit nervösem Schrecken erfüllte, aber gut ausging: Besonders „Heuchelmund“ hatte es ihr angetan!

Bei meiner allerersten Lesung aus dem Buch im Berliner Buchladen „Chronika“, der, von zwei schwulen Männern in der Kreuzberger Bergmannstraße betrieben, längst Geschichte ist, las ich auch ebenjenen oben erwähnten, 1993 erstmals veröffentlichten Text zu AIDS, „Der Schneider und die Schneiderin“.

Und hocherfreut war ich, als der Erzählband 2005 beim Piper Taschenbuch Verlag neu aufgelegt wurde, mit demselben Coverbild übrigens, eine Rarität im Verlagsgeschäft. Eine Rarität sind heutzutage Erzählbände selbst, die nur selten noch veröffentlicht werden, und wenn, dann meist nur von arrivierten, kaum je aber unbekannten Autor*innen. Glück gehabt also wiederum …

Karen-Susan Fessel: Was ich Moira nicht sage. Erzählungen. Querverlag, Berlin 1997 / Piper Verlag, München 2005.  Nur noch antiquarisch erhältlich.

Die Monatsbotin März 2023 // Notizen aus dem vierten Stock

Hier kommt die hundertsechste Ausgabe der Monatsbotin von Karen-Susan Fessel – mit Notizen, Gedanken und Terminen vom Schreibtisch aus dem vierten Stock in Berlin-Kreuzberg!

Wem sie gefällt: liebend gern weiterempfehlen! Eine kurze Mail mit dem Hinweis „Monatsbotin gewünscht“ an kontakt@karen-susan-fessel.de – und schon liegt sie Monat für Monat im virtuellen Briefkasten … Wer lieber Ruhe wünscht, desgleichen!

Viel Spaß beim Lesen wünscht Karen-Susan Fessel!

Was war?

Ein viel zu warmer Februar, der leider vom Grundgeräusch „Long Covid“ untermalt wurde, was mich aber nicht hinderte, weiter an meinem in Arbeit befindlichen Roman zu schreiben. „Einfach Noni“ (Arbeitstitel) wird im Herbst erscheinen, es sei dann, mich fällt ein Blitz, aber davon ist ja hoffentlich nicht auszugehen. Bislang sind sechs von zehn Kapiteln in der Rohfassung fertig, die letzten vier jedoch so gut vorgearbeitet, dass ich spätestens im April damit fertig sein werde.

Und jetzt schon finde ich es wieder traurig, mich von den mir so liebgewonnenen Personen dann verabschieden zu müssen … Aber das kenne ich ja schon zur Genüge.

Daneben aber hatte ich im Februar das Vergnügen, mich auch dem Onlineworkshop „Mein Buch“ und dem Individualcoaching widmen zu können. Und diversen geschäftlichen Gesprächen, in denen es zum Teil um anstehende (Film-)projekte und Bücher, aber auch um fertiggestellte ging. Was zur Folge haben wird, dass ich auch über das dritte meiner bisherigen drei Ghostwriter- bzw. Co-Autorinnen-Büchern den Mantel des Schweigens breiten werde. Allerdings stehe ich auch – wie bei Buch 2, dem Roman eines bekannten Filmemachers -, bei Buch 3 mit im Impressum; wer zuerst darauf stößt, der bekommt von mir ein signiertes Exemplar des Werkes über eine bekannte deutsche Rocksängerin, das allerdings noch nicht erschienen ist.

Und was kommt?

Ein ganzer Monat, in dem ich mich vorrangig meinem in Arbeit befindlichen Roman widmen werde. Am 2. März jedoch habe ich um 20h das Vergnügen, im schönen Glückstadt an der Elbe in der dortigen Bücherstube am Fleth aus „In die Welt“ vorlesen zu dürfen, meinem aktuellen Roman – eine Veranstaltung zum Internationalen Frauentag auf Einladung der Gleichstellungsbeauftragten.  An ebenjenem Tag übrigens habe ich vor nunmehr 40 Jahren (!!!) meinen Führerschein Klasse 3 und 1 absolviert. Das aber nur mal so nebenbei …

Leider kann ich die Strecke von Glückstadt nach Innsbruck unmöglich am nächsten Tag zügig bewältigen, um dort um 16h im Bogentheater die Premiere meines dort neu inszenierten Theaterstückes „Ein Stern namens Mama“ mitzuerleben. Wer also in Innsbruck die Gelegenheit hat, am 3. März oder an einem der folgenden vorläufig sechs weiteren sechs Termine das Bogentheater zu besuchen und die Aufführung zu sehen, der darf mir anschließend gern berichten!

Am 16. März wiederum habe ich das Vergnügen, im Aschaffenburger​ Karl-Theodor-v.-Dalberg​-Gymnasium aus „Blindfisch“ vorzulesen, genau wie am 21. März im Berliner Rosa-Luxemburg-Gymnasium und am 28. März in der Gustav-Heinemann-Schule im hessischen Borken. 

Dort wird dann auch die soeben erschienene Neuausgabe von „Alles ist echt“ (Klett-Verlag“) zum Einsatz kommen. Volles Programm also wieder mal!

Einen milden März wünscht Karen-Susan Fessel!

Online-Workshops: Der nächste Kreativ-Quickie startet am 6. März; Informationen und Anmeldung auch für die neuen Onlineworkshops „Mein Buch“ und „Biografisches Schreiben“ und das Einzelcoaching unter www.karen-susan-fessel.de/seminare

Ausgelesen: Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2022 / Die dicke Mutter – ein Thema für sich. Daniela Dröscher schreibt in derart einfühlsamer Weise über die Anfeindungen, die ihre übergewichtige Mutter ertragen muss – vor allem seitens des Ehemannes, der sich mit ihrer Körperfülle einfach nicht arrangieren kann -, und auch die Scham der Tochter, dass es mir mehrere Male die Kehle zugeschnürt hat. Vor allem das komplizierte Verhältnis innerhalb ihrer Familie dient ihr immer wieder als Hebel, um die verkrusteten Strukturen und Sichtweisen aufzubrechen und neu zu bewerten. Ein hervorragendes Buch. //Lily King: Hotel Seattle. Erzählungen. C.H.Beck, München 2022 // Nur zwei Erzählungen von neun würde ich nicht die Bestnote erteilen, alle anderen aber berichten in klarer, direkter Sprache von den Unbilden des modernen Lebens, wobei „modern“ durchaus weitgefasst werden kann. Die erste große Liebe, das Sich-Zurechtfinden im Jugendalter, Einsamkeit als Schreckgespinst und die Risiken eines Outings in streng heterosexueller Umwelt – das sind Themen, mit denen sich die US-amerikanische Autorin und Hochschullehrerin in eindrücklicher Weise befasst. Endlich mal wieder ein richtig guter Kurzgeschichtenband!

Unter der Lupe: Meine Werke

Nr. 5: OUT! 500 berühmte Lesben, Schule und Bisexuelle (1997), zusammen mit Axel Schock

Heute ist das Werk längst von meinem Mitstreiter Axel Schock auf „800 berühmte und außerordentliche Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft“ erweitert; damals aber, im Erscheinungsjahr, waren in „Europas umfangreichstem „Who’s Who“ der lesbischen, schwulen und bisexuellen Welt“ noch 500 Porträts versammelt. Und die haben mich und meinen Co-Autoren Axel Schock – sowie später auch den Verlag selbst – gehörig Nerven gekostet.

Axel Schock, umtriebiger Kulturjournalist, hatte die Vorarbeit geleistet und in akribischer Feinarbeit mehrere Hundert Personen samt Quellen zusammengetragen, die wir dann hälftig abarbeiteten, wobei er die Männer und ich die Frauen übernahm (die wenigen Trans*personen, die damals schon bekannt waren, gingen dann auf unser beider Konto). Abarbeiten hieß, nachzurecherchieren, ob die Fakten stimmten und die Quellen korrekt waren und im Zweifel konkret anzufragen, ob eine Veröffentlichung gewünscht wäre.

Von „meinen“ weiblichen Kandidatinnen hagelte es reihenweise Absagen, darunter auch von mittlerweile längst geouteten Personen des öffentlichen Lebens. Aber 1996/1997 war es einfach für viele offenbar noch zu früh, sich zu einer lesbischen, schwulen oder auch bisexuellen Lebensweise zu bekennen. Axel und ich gaben uns alle Mühe, niemanden ungefragt zu outen, aber einer ging uns dann doch durch die Lappen und brachte damit fast den gesamten Verlag zum Erliegen: Eines Abends rief mich ein Herr auf dem Festnetztelefon an: „Jens Riewa, ARD Tagesschau.“ Da ich damals nur höchst selten fern sah, sagte mir der Name nichts, was ihm ein wenig zu missfallen schien.  Schließlich kam er zur Sache: Wie wir dazu kämen, ihn in „OUT“ als „schwulen Kollegen“ von Wilhelm Wieben (dem bekennend schwulen und schon verstorbenen Tagesschausprecher) zu titulieren?

Ich wusste von nichts, und Axel, der gutgläubig auf diverse inoffizielle, also nicht verifizierte Quellen vertraut hatte, unter anderem ein Interview mit Wieben selbst, konnte nur die

OUT! Erstausgabe 1998

Flucht nach vorn antreten. Aber auch eine Entschuldigung und das Angebot, die Passage in zukünftigen Auflagen zu streichen, nützte nichts: Riewa verklagte den Verlag und bekam Recht. Nur eine Benefizveranstaltung und die finanziellen Zuwendungen einzelner Gönner*innen konnten den Verlag damals vor dem Ruin retten. Puh, nochmal Glück gehabt!

Gelernt haben Axel und ich auch daraus: Alles immer akribisch prüfen, am besten gleich zweimal …

Karen-Susan Fessel/ Axel Schock: OUT! 500 berühmte Lesben, Schwule und Bisexuelle. Querverlag, Berlin 1997. Nur noch antiquarisch erhältlich. Der erweiterte Nachfolgeband „OUT! 800 berühmte Lesben, Schwule und Bisexuelle ist weiterhin lieferbar.

Die Monatsbotin Februar 2023 // Notizen aus dem vierten Stock

Hier kommt die hundertfünfte Ausgabe der Monatsbotin von Karen-Susan Fessel – mit Notizen, Gedanken und Terminen vom Schreibtisch aus dem vierten Stock in Berlin-Kreuzberg!

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Viel Spaß beim Lesen wünscht Karen-Susan Fessel!

Was war?

Na, allerhand los war in den letzten beiden Monaten – denn die Januarmonatsbotin musste ja leider coronabedingt ausfallen. So überrascht war ich in meinem Leben wirklich selten, als ich pünktlich am ersten Weihnachtsfeiertag auf das positive Corona-Testergebnis starrte. Nach fast drei Jahren, in denen ich um eine Infektion herumgekommen war, hatte es mich dann also doch noch erwischt. Und so war ich fast drei Wochen lahmgelegt mit großer Schwäche, Husten, Schnupfen und Kopfschmerzen. Puh! Keine angenehme Erfahrung, sondern eine, auf die ich liebend gern verzichtet hätte – und die Familienmitglieder, die ich dann unwissentlich angesteckt hatte, natürlich ebenfalls.

Davor aber hatte ich einen recht produktiven Dezember hinter mich gebracht, mit viel Schreibarbeit an meinem in Arbeit befindlichen neuen Roman, zwei Lesungen – am 12. Dezember beim Lesefest in der Berliner Johanna-Eck-Schule, deren noch im Aufbau befindliche Schulbibliothek ja eines Tages meinen Namen tragen wird – und am 13. Dezember in der Pankower Janusz-Korczak-Bibliothek für die 8. Klassen des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums, dazu ein ganztägiger Workshop für Elftklässler*innen in der Braunschweiger Wilhelm-Bracke-Gesamtschule. Dann begannen die Feiertage, die dann jedoch bekanntermaßen abrupt ins Wasser fielen.

Aber Ende des Monats war ich dann zum Glück wieder fit genug für meine schon lang geplante Kurzreise nach Kiruna in Schwedisch-Lappland,

In Abisko, im Hintergrund Lapporten, die berühmte „Lappenpforte“

in die Stadt, die großenteils bis spätestens 2028 drei Kilometer nach Westen umziehen muss, um neuen Abbaugebieten der städtischen Erzmiene Platz zu machen. In den beiden Tagen bin ich dreißig Kilometer gewandert, zweimal mit dem Bus um und durch die ganze Stadt gefahren und mit dem Zug nach Abisko

Polarexpress von Stockholm nach Narvik (Norwegen)

weiter im Norden und wieder zurück. Drei Schneehasen habe ich gesehen, eine Handvoll Rentiere,

Schneehase in Kiruna

Unmengen an Schnee, ein Dutzend leergezogene Hochhäuser und, das erste Mal in meine bisher fünf Besuchen in Lappland, Nordlichter in den verschiedensten Facetten – am Ende der Nacht in Form eines strahlenden weißen Vorhanges, der die gesamte Region taghell erschienen ließ.

Lapporten

 Danach ging es dann fast 3.000 Kilometer nach Süden, um in Kloten am Sekundarschulhaus Spitz für alle 7. Klassen aus meinen Jugendbüchern zu lesen. Anschließend kamen die 5. und 6. Klassen im Primarschulhaus Wollerau dran, bevor ich mit einer 9. Klasse am Schulhaus Wydenhof in Ebikon einen vierstündigen Workshop abhielt, um meinen viertägigen Schweizaufenthalt schlussendlich, wie die Schweizer sagen, mit einer Lesung an der Luzerner Kantonsschule Musegg vor einer 10. Klasse zu beschließen.

Aussicht vom Kloster Kappel am Albis

Die Luzerner Bergwelt wirkt ganz anders als die in Lappland, ist aber ebenfalls wunderschön. 

Meine achttägige Reise liegt also jetzt gerade hinter mir, ein sehr schönes, beeindruckendes Erlebnis und der Grund dafür, warum die Monatsbotin nicht wie sonst spätestens am 3. des Monats erscheint.

Wer übrigens noch mehr von mir lesen möchte als die Monatsbotin und meine Bücher und bisherigen Texte, der kann sich nun auch noch zwei weitere Texte zu Gemüte führen, die in den letzten Wochen erschienen sind: Zum einen mein Beitrag „Wie geht es weiter mit Grate? Post von Lesenden“ im Band 4/2022 der Reihe „kjl&m“, zum anderen den Text „Traumjob“ in „Mein lesbisches Auge 22“.

Und was kommt?

Ein ganzer Monat, in dem ich mich vorrangig meinem in Arbeit befindlichen Roman widmen werde, der bereits zur Hälfte geschrieben ist. Außerdem bin ich mit einer Filmproduktionsgesellschaft  über eine mögliche Zusammenarbeit im Hinblick auf eines meiner Bücher im Gespräch; das Exposé dazu habe ich im Dezember geschrieben, nun wird es in mehreren Sitzungen besprochen. Mehr dazu, wenn die Gespräche Erfolg gezeitigt haben. Und dazu beginnt in den nächsten Tagen der neue Onlineworkshop „Mein Buch“. Langweilig wird mir also bestimmt nicht!

Einen munteren Februar wünscht Karen-Susan Fessel!

Online-Workshops: Der nächste Kreativ-Quickie startet am 6. März; Informationen und Anmeldung auch für die neuen Onlineworkshops „Mein Buch“ und „Biografisches Schreiben“ und das Einzelcoaching unter www.karen-susan-fessel.de/seminare

Ausgelesen: Daniela Dröscher: Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft. Hoffmann und Campe, Hamburg 2018 / Mit Freuden habe ich mich in die brillante Analyse der Herkunft der Berliner Autorin vertieft. Dröscher seziert in dieser detaillierten Studie ihrer eigenen Familiengeschichte die Wechselwirkung zwischen Klasse, Schicht und Herkunft auf eine so fesselnde und oft auch amüsante Weise, dass ich das Gefühl hatte, einen sehr gut aufgebauten Roman zu lesen. Ein Buch, das nicht nur gut unterhält, sondern auch wirklich zum Nachdenken anregt und das nur modern anmutende Thema Klassismus auch vor soziologisch wenig vorgebildeten Menschen nachvollziehbar ausbreitet. // Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. / Marion Brasch, Berliner Journalistin und Moderatorin, ist mit gerade mal 40 Jahren als letztes Mitglied ihrer Familie übriggeblieben. Noch als Kind verliert sie ihre jüdische Mutter, dann nacheinander Vater und alle drei Brüder, zuletzt den bekanntesten davon, den berühmt-berüchtigten Autor Thomas Brasch. Das allein würde schon reichen für eine ausgiebige Biografie, aber Brasch ist es daran gelegen, nicht nur über sich zu schreiben, sondern die Wechselwirkungen zwischen dem Dasein als Schwester und Tochter und den Verirrungen, Unzulänglichkeiten, Problemen und Eigenarten ihrer Eltern und Brüder zu erzählen.  Das ist hochspannend und bewegend, ein Text, der Leerstellen offenlässt und sie nicht etwa zu füllen versucht. Klasse!

 

Unter der Lupe: Meine Werke

Nr. 4: Sirib, meine Königin (1997)

Ein Fantasyroman? Danach werde ich immer mal wieder gefragt, vorrangig von Jugendlichen. Und ja, ich habe in der Tat einen geschrieben, in meinen Anfangsjahren, das heißt, eine „Phantastische Erzählung“: „Sirib, meine Königin“ erzählt von einer fantasierten Welt, in der die Königinnen kraft ihrer Gedanken goldene Kugeln schleudern und damit Missliebige und Ungehorsame töten können. Im Schatten dieses grausamen Matriarchats entwickelt sich eine verbotene Liebe, die alle, die davon wissen, ins Verderben reißen kann … Na, klingt das nicht spannend? Ist es auch. Aber leider fanden das seinerzeit nicht genug Lesende, denn „Sirib, meine Königin“, zu dem die Hamburger Malerin Josephin Böttger zahlreiche wunderbare Illustrationen beisteuerte, gilt als mein am schlechtesten verkauftes Buch, leider.

Dennoch bin ich Claudia Gehrke, meiner Konkursbuch-Verlegerin, immer noch dankbar dafür, dass sie dieses schmale, aber schön anzusehende Buch in ihr Programm aufgenommen und dann auch lange darin belassen hat. Und danach dauerte es dann geschlagene 21 Jahre, bis das nächste Buch von mir im konkursbuch Verlag erschien …

Karen-Susan Fessel: Sirib, meine Königin. Phantastische Erzählung mit Illustrationen von Josephin Böttger. konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Tübingen 1997, 95 Seiten. Nur noch wenige Exemplare zum Direktverkauf über den Verlag oder auf Anfrage über meine Website erhältlich.

 

Die Monatsbotin November 2022 // Notizen aus dem vierten Stock

Hier kommt die hundertdritte Ausgabe der Monatsbotin von Karen-Susan Fessel – mit Notizen, Gedanken und Terminen vom Schreibtisch aus dem vierten Stock in Berlin-Kreuzberg!

Wem sie gefällt: liebend gern weiterempfehlen! Eine kurze Mail mit dem Hinweis „Monatsbotin gewünscht“ an kontakt@karen-susan-fessel.de – und schon liegt sie Monat für Monat im virtuellen Briefkasten … Wer lieber Ruhe wünscht, desgleichen!

Viel Spaß beim Lesen wünscht Karen-Susan Fessel!

Was war?

Überraschend warm wurde es im Oktober, aber das wundert ja niemanden mehr in diesen Zeiten … und den Heizkosten kam es auch zu Gute. So ließ es sich im Arbeitszimmer im vierten Stock, zur Nordseite gelegen, noch ganz gut aushalten, ohne die Heizung allzusehr hochdrehen zu müssen. Die Arbeit am nächsten Jugendbuch ging dann auch ganz gut voran und wurde nur von zwei Reisen unterbrochen: Mitte des Monats ging es auf Kurzreise zur lieben alten Freundin nach Kiel und dann weiter zur Mutter nach Meppen, um dort die Wohnung ein bisschen aufzuhübschen; eine Tätigkeit, die mir immer wieder Spaß macht. Das Ergebnis: ein helles, schimmelfreies Schlafzimmer, das sich sehen lassen kann. Und gemeinsames Aussortieren von Unterlagen und Broschüren, die keiner mehr braucht und in die niemand je wieder hineinsehen wird; eine famose Übung in Loslassen, was ja wiederum eines meiner Lieblingsthemen ist, im Beruflichen wie auch Privatem …

Detail aus meinem Hotelzimmer in Bad Homburg

Zurück in Berlin, ging es dann bald wieder los zur Frankfurter Buchmesse, um zunächst im nahen Bad Homburg zu übernachten und dann am nächsten Morgen einen kleinen Messekürlauf hinzulegen:  Nach Kurzbesuchen an den Ständen meiner verschiedenen aktuellen Verlage, als da wären der Querverlag, der Psychiatrieverlag und der konkursbuchverlag Claudia Gehrke, ging es dann zum Verla

Tontechniker Michael vom Oetinger Verlag hatte auch die Monitore bestens im Griff

g Friedrich Oetinger, der mich zu einer Lesung aus meinem neuen Roman „Blindfisch“ eingeladen hatte. Der gut vorbereitete und redegewandte Moderator Lennart Schäfer erfreute mich und das Publikum mit interessanten Fragen, eine gelungene Veranstaltung!

Immer wieder verblüffend: Wofür stehen bloß all diese Menschen an?

All das machte den Kurztripp zu einem wahren Vergnügen – so fuhr ich fröhlich wieder nach Hause. 

Und widmete mich neben der Schreibarbeit dann auch wieder mittwochs dem achtwöchigen Schreibworkshop für den Verein JES NRW e.V., der Interessenvertretung für Drogen gebrauchende Menschen, Ehemalige und Substituierte, der mir ungemein viel Freude macht … 

Und was kommt?

… und noch den ganzen November weiterläuft, dann parallel zum sechswöchigen Online-Workshop, den ich für die Aids-Hilfe NRW e.V. anbieten darf.  Dazu kommen wie immer im November reichlich Lesungen: zunächst am 8. und 10. November die im September krankheitsbedingt ausgefallenen Kinderbuch-Lesungen im Berliner Theater Morgenstern und der Tucholsky-Bibliothek, dann reise ich vom 14. bis 18. November zur Kinder- und Jugendbuchwoche nach Göttingen, um in verschiedenen Schulen in Göttingen, Northeim, Einbeck und Duderstadt vorzutragen, danach geht es dann in der Woche darauf auf Einladung der Pädagogischen Hochschule Luzern nach Wollerau, Edingen und Luzern. Also volles Programm!

Einen ereignisreichen November wünscht Karen-Susan Fessel!

Online-Workshops: Der nächste Kreativ-Quickie startet am  1. Dezember; Informationen und Anmeldung auch für die neuen Onlineworkshops „Mein Buch“ und „Biografisches Schreiben“ und das Einzelcoaching unter www.karen-susan-fessel.de/seminare

Ausgelesen: Andrea Rödig: Man kann Müttern nicht trauen. dtv, München 2022 / Ein seltsamer Titel – das finde ich auch nach der ein wenig zwiespältigen, aber immer mitreißenden Lektüre dieses autobiografischen Romans über eine tragische Gestalt, die immer wieder im Leben der Autorin auftaucht und verschwindet und nie so ganz ergründet wird. In den letzten Jahren erscheint ja eine ganze Reihe von Büchern, in denen die Autorinnen mit ihren unnahbaren Müttern abrechnen; dieses hier zählt zu den eindringlichsten. Doch der Klappentext wie auch die sonstigen Zusammenfassungen, die ich über das Buch gelesen habe, sind schlichtweg unrichtig: Nicht hat die Mutter die Familie verlassen, sondern die Kinder wurden ihr entrissen und vorenthalten, als die Ich-Erzählerin 12 Jahre alt war. Für mich als Leserin ändert das vieles im Hinblick auf die Rezeption des Werkes, aber mehr will ich dazu nicht verraten: lieber selbst lesen, es lohnt sich! // Shon Faye: Die Transgenderfrage. Ein Aufruf zu mehr Gerechtigkeit. Hanser Verlag, München 2022 // Wer sich gründlich in das Thema Transgender einlesen möchte, dem sei dieses umfassende Werk an Herz gelegt. Die junge britische Autorin legt damit ein Grundlagenwerk zu allen Themen, die Trans*Menschen betreffen und bewegen, vor und zeigt zugleich Lösungsansätze auf. Ein wenig bedauerlich jedoch: Auch wenn aktuelle Daten aus Deutschland mit in die Übersetzung mit eingeflossen sind, wird dennoch immer deutlich, dass es sich um die Analyse britischer Verhältnisse handelt, eben nicht deckungsgleich mit den deutschen. Gleichwohl sehr informativ. // Christoffer Carlsson: Was ans Licht kommt. Kriminalroman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022 / In derselben Nacht, als Olof Palme in Stockholm erschossen wird, meldet sich wein Mann telefonisch bei der Polizeiwache im südschwedischen Halmstad und erklärt, eine Frau ermordet zu haben: „Und ich werde es wieder tun.“ Kommissar Sven Jörgensson ist der Erste am Tatort, und er ist auch der Erste, der spürt, dass der Täter Wort halten wird … So beginnt der spannende Roman um eine Mordserie, die einen ganzen Landstrich in Atem halten und das Leben mehrerer Familien für immer verändern wird. Carlssons sehr spannend geschriebenes Werk ist beste Kost für lange Winterabende, auch wenn mich ein gravierender Perspektivbruch zu Anfang fast davon abgehalten hätte, weiterzulesen. Aber auch dieser klärt sich am Ende noch auf. Bestimmt nicht das letzte Buch, das ich von diesem Autor gelesen habe.

Unter der Lupe: Meine Werke

Nr. 2: Heuchelmund (1995)

Im Januar 1994, also knapp zehn Monate vor der Veröffentlichung meines ersten Romans „Und abends mit Beleuchtung im Oktober 1994 konkursbuchverlag Claudia Gehrke in Tübingen erschien im selben Verlag meine erste erotische Erzählung: „Der richtige Name“ wurde im Sammelband „Mein heimliches Auge IX“ gedruckt, ein Text, den ich auf Anfrage des Verlages hin an einem Tag heruntergeschrieben hatte. Erstaunt darüber, wie leicht mir das Verfassen dieser kurzen erotischen Erzählung gefallen war, schrieb ich in loser Folge einige weitere, und mit jeder folgenden wurde mir klarer, dass mir das Verfassen erotischer Texte einfach liegt. Das sah auch meine Verlegerin Claudia Gehrke, die mich deshalb kurz nach der  Frankfurter Buchmesse 1994 fragte, ob ich nicht einen ganzen Band mit derlei Erzählungen schreiben wollte. Wollte ich. Und so machte ich mich mit Feuereifer daran, die nächsten erotischen Geschichten zu schreiben, fast alle mit lesbischen Bezügen, einige davon auch mit leicht sado-masochistischen Anflügen, was kurz nach Erscheinen im Hebst 1995 mehrere der damals noch in allen größeren Städten vorhandenen Frauenbuchläden dazu bewog, mein Buch zu boykottieren und mich nicht zu Lesungen einzuladen. Der Vorwurf: Mein Buch „Heuchelmund“ enthalte gewaltverherrlichende und frauenverachtende Pornografie. Was mich wiederum dazu brachte, mich noch einmal eingehend mit der Definition und Bedeutung von Pornografie zu befassen. Das Resultat: Mein Buch enthält weder Texte, die Frauen verachten noch Gewalt verherrlichen, und auch keine Pornografie, sondern Erotik. Der Unterschied, ganz marginal heruntergebrochen: Pornografie beschreibt sexuelle Akte, um Lust zu entfachen, Erotik schildert sexuelle Thematiken, mit Sehnsucht verbunden. Die Frage, warum ich solche Texte schreibe, kann ich seitdem gut beantworten: Weil ich es gut kann. Viel spannender hingegen finde ich ja auch die Frage, warum die Menschen so gern derartige Texte lesen. Denn „Heuchelmund“ ist bis heute eines meiner meistverkauften Bücher; zu schade, dass die damalige Verlagsauslieferung ein Jahr später in Konkurs ging und mir somit ein hoher vierstelliger Betrag an Autorenhonorar komplett verlorenging. Was mich aber nicht davon abhalten sollte, schon am nächsten Buch zu arbeiten …

Ein ganz besonderes und bisher einmaliges Erlebnis bescherte mir der Erzählband, zu dem meine damalige Freundin Gabriele-Maria Scheda, heute als Künstlerin international bekannt unter dem Namen Jonny Star, sowohl das Umschlagfoto als auch mehrere weitere Fotos im Innenteil beitrug, in einer Berliner Buchhandlung: Ich stöberte gerade im Krimiregal, als ich am Tresen eine Frau fragen hörte: „Haben Sie ein Buch von einer Karin Fessler oder so ähnlich, der Titel heißt ungefähr Heuchelmond?“ Die Buchhändlerin runzelte die Stirn und schlug ihren Katalog auf, und ich nahm meinen Mut zusammen, trat vor und sagte: „Heuchelmund. Das Buch heißt Heuchelmund, von Karen-Susan Fessel“. Die Kundin nickte: „Ja, genau!“, die Buchhändlerin nickte ebenfalls und klappte den Katalog wieder zu, und ich ging mit rotem Kopf und rasendem Herzen hinaus. Hach, war das schön!

Karen-Susan Fessel: Heuchelmund. konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 1995, 160 Seiten, 10,50 €

Die Monatsbotin Oktober 2022 // Notizen aus dem vierten Stock

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Was war?

Der September gestaltete sich wechselhaft, in jeder Hinsicht. Plötzlich war der Sommer vorbei und machte dem erstaunlich kühlen Herbst Platz. Im Arbeitszimmer des vierten Stocks, auf der Nordseite gelegen, sank die Temperatur dann auch in den letzten Tagen auf schon etwas unangenehme 18 Grad, aber die Wegmarke 1. Oktober, ab der wir uns frühestens zu heizen vorgenommen hatten, wurde dann nur um einen Tag verfehlt.  Mal sehen, was der Winter in dieser Hinsicht noch so bringt …

Der September brachte jedenfalls weiterhin eifrige Arbeit am nächsten Jugendbuch, das im nächsten Herbst erscheinen soll. Das Thema, das ich hier noch nicht verraten möchte, erfordert immer wieder neue Recherchen, so das der Text selbst noch nicht im geplanten Tempo entsteht, aber das sind durchaus vorhergesehene Erschwernisse, die meinen Zeitplan keinesfalls durcheinanderbringen. Bis Ende April plane ich fertig zu sein. I, ich werde berichten, ob das auch genau so geklappt hat.

Weitaus weniger komplikationslos als geplant verliefen dahingehend die Septemberveranstaltungen, die auf meiner Agenda standen. Von 18 Lesungen fand nur eine einzige statt, aber die war dann auch besonders gelungen: In der „Fruchtbar“ im schleswig-holsteinischen Heide las ich am 9. September auf Einladung von „Westküste denkt queer“ aus meinem Roman „In die Welt“, das sich anschließende, sehr anregende Gespräch mit dem kleinen, aber feinen Publikum dauerte dann fast länger als die Lesung selbst, eine schöne Sache!

Das Publikumsgespräch bei der nächsten Veranstaltung am 15. September im Rahmen des Dyke-Dog-Literatursalons im Literarischen Colloquiums Berlin musste dann aufgrund des winzigen Zeitfensters leider komplett ausfallen, schade, denn zum Thema „Sichtbarkeit lesbischer Literatur“ gäbe es wirklich viel zu sagen. So aber hatten wir drei Podiumsgäste – Hengameh Yaghoobifarah,  Kaśka Bryla und ich – trotz der fein akzentuierten Moderation  Magda Albrechts nur wenig Zeit, unsere Positionen auszubreiten und zu diskutieren. Interessant fände ich ja eine weitere Diskussion zum Thema „Wer oder was ist eigentlich queer?“, so aber fuhr ich mit vielen weiteren Fragen im Kopf nach Hause und dem vagen Eindruck, dass für viele junge Menschen das Wort „lesbisch“ allmählich in eine graue, weit zurückliegende Vorzeit gehört – auf jeden Fall nicht auf einen Buchrücken, wo es wohl unweigerlich die literarische Bedeutsamkeit des Werkes zu schmälern scheint … Neu ist das nicht für mich, aber fragwürdig weiterhin.

Das war es auch schon mit den Live-Veranstaltungen meinerseits im Monat September, denn die nächste Lesung am 20. vor dem Planetarium in Prenzlauer Berg zum Internationalen Kindertag aus „Selina Stummfisch“ und anderen Büchern fiel buchstäblich ins Wasser und wird voraussichtlich am 26. Oktober in der Berliner Tucholsky-Bibliothek nachgeholt.

Am folgenden Tag erwischte mich dann eine üble Magen-Darm-Infektion, der die für den 23. September im Theater Morgenstern in Berlin-Steglitz geplante Lesung aus „Und wenn schon!“ zum Opfer fiel. Und auch die Lesereise in der Woche darauf zur  15. Jugendbuchwoche in Celle vom 26. bis zum 30. September musste ich krankheitsbedingt absagen – zu schade, aber vielleicht gibt es ja in zwei Jahren bei der nächsten Auflage eine neue Chance.

Sehr erfreulich aber in diesem Monat: Mein aktuelles Jugendbuch „Blindfisch“ (Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2022) wurde im September vom Deutschlandfunk auf die Liste der 7 Besten gewählt, eine feine Auszeichnung, über die ich mich sehr freue!

Und was kommt?

Weiterhin die Schreib- und Recherchearbeit an meinem neuen Roman, nicht zu vergessen aber auch die vierteljährliche Umsatzsteuervoranmeldung, die ich brav bis zum 15. Oktober hinter mich und dem Finanzamt zur Vorlage bringen muss.

Wenn alles klappt, freue ich mich ab dem 5. Oktober  über einen neuen achtwöchigen Online-Workshop, den ich im Auftrag des Vereins JES NRW e.V., der Interessenvertretung für Drogen gebrauchende Menschen, Ehemalige und Substituierte, jeden Mittwoch anbieten darf.

Und auf meine Lesung am 23. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse freue ich mich auch, wo ich natürlich „Blindfisch“ präsentieren werde. Alle Termine sind auch auf meiner Website und hier einzusehen!

Einen nicht allzu stürmischen Oktober wünscht Karen-Susan Fessel!

Online-Workshops: Der nächste Kreativ-Quickie startet am  4. Oktober; Informationen und Anmeldung auch für die neuen Onlineworkshops „Mein Buch“ und „Biografisches Schreiben“ und das Einzelcoaching unter www.karen-susan-fessel.de/seminare

Ausgelesen: Torbjörn Ekleund: Gehen. Eine Wiederentdeckung. Malik, München 2021 / Ekelund ist Norweger und als solcher dem Wandern viel näher als der gemeine Mitteleuropäer, aber darum geht es in diesem feinen, gut erzählten Essay nicht – sondern um, grob gesagt, das Gehen auf Wegen. Und die Wiederentdeckung des sich nur langsam Fortbewegens, das den Geist in eine ganz neue Offenheit versetzen kann. Auch wenn ich selbst kaum je wandere, dafür aber spazierengehe und radfahre, so hat mir Ekelunds umfassende Betrachtung des Gehens doch viele neue Gedankengänge über das Tempo, in dem wir Menschen heutzutage in jeder Hinsicht unterwegs sind, eröffnet. Ein sehr zu empfehlendes Buch, bei weitem nicht nur für Wanderfreunde, sondern erst recht für Bewegungsmuffel.

Und hier nun wie angekündigt meine neue Rubrik, in der ich alle meine 44 Bücher in chronologischer Reihenfolge vorstellen werde:

Unter der Lupe: Meine Werke

Nr. 1: Und abends mit Beleuchtung (1994)

Nein, was war ich aufgeregt, als ich im März 1993 den Vertrag für mein erstes Buch in den Händen hielt! Der erste Schritt hin zu meinem Traumberuf Schriftstellerin war tatsächlich gemacht, der konkursbuchverlag in Tübingen würde mein Erstlingswerk pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 1994 veröffentlichen. Damit würde ich mein großes Ziel erreichen: mein erstes Buch zu veröffentlichen, bevor ich 30 Jahre alt sein würde.

Wie gut, dass ich ein Jahr zuvor so naiv gewesen war und mein Manuskript nach Fertigstellung einfach an zehn Verlage geschickt hatte, die ich mir in der Amerika-Gedenkbibliothek und mehreren Buchläden als ungefähr passend herausgesucht hatte. Die Zeit davor war eine wirklich glückliche gewesen: Nach Abschluss meines Studiums der Theaterwissenschaften, Germanistin und Romanistik in Berlin hatte ich den Sprung ins kalte Wasser gewagt und mich an meinen ersten Roman gesetzt, der nun unter dem Titel „Und abends mit Beleuchtungerscheinen würde. Über eineinhalb Jahre hatte ich immer, wenn ich Zeit fand, in meinem Arbeitszimmer mit Blick auf den Berliner Kreuzberg an der Geschichte um die Zwillinge Nan und Leo und einer Handvoll ihrer Freunde gearbeitet, die wilde Abenteuer erleben und herauszufinden versuchen, wohin ihr Leben sie führen soll – oder sie ihr Leben … Heute noch kann ich das überwältigende Gefühl von Freude und Freiheit empfinden, das mich an meinem Schreibtisch in der Wohnung, in der ich heute noch lebe, überkam, das tiefe, klare Bewusstsein darüber, dass ich jetzt und hier genau das machte, was ich schon immer wollte, dass ich meine Bestimmung und meine Berufung gefunden hatte. In meiner Erinnerung hat in dieser langen Zeit an jedem einzelnen Tag die Sonne auf meinem Schreibtisch geschienen, die gesamte Schreibzeit scheint wie in warmes, klares Licht getaucht, in dem ich auf eine bestimmte Art auch heute noch bade.

Wenn ich nicht schrieb, frönte ich dem Nachtleben, arbeitete ich bei der Post und sortierte, vorrangig in Nachtschichten, Briefe und Pakete und war als Fahrradkurier im Auftrag von American Express unterwegs, um Flugtickets an Firmenkunden auszuliefern – tja, damals steckte das Phänomen Internet noch in den Kinderschuhen …

Von den zehn angeschriebenen Verlagen antworteten gleich zwei positiv, beide empfahlen mir jedoch dringend, das damals noch 450 Seiten umfassende Manuskript deutlich zu kürzen. Eine harte Schule für mich, aber eine wirklich hilfreiche. Dass der alte Spruch „In der Kürze liegt die Würze“ tatsächlich gerade beim Schreiben oft seine Wahrheit entfaltet, habe ich damals gelernt – das betrifft übrigens auch den Titel, den sich kaum jemand merken kann. An die 160 Seiten, also knapp ein Drittel des Textes, habe ich gestrichen, die Geschichte gestrafft, ganze Nebenstränge herausgenommen. Dem Roman tat das gut, und die (wenigen) späteren Besprechungen waren auch durchweg positiv.

Das Cover gestaltete eine meiner besten Freundinnen, die 2020 überraschend und viel zu früh verstorbene Illustratorin Heidi Kull; das Original, auf Pappe gezogen, ziert bis heute mein Büro im vierten Stock.

Die Frankfurter Buchmesse 1994 war dann zwar eher ein Schockerlebnis für mich (so viele Bücher, so viele Autoren! Wer sollte sich denn da für mein Buch interessieren?), aber dennoch spannend. Außerdem lernte ich dort meine gleichaltrige Schriftstellerkollegin Regina Nössler kennen, die ebenfalls ihr erstes Buch beim konkursbuch Verlag veröffentlicht hatte und mit der mich bis heute eine gute und enge Freundschaft verbindet. Und meine allererste Lesung aus einem eigenen Buch hielt ich dort auch, ein unvergesslich nervöses Erlebnis.

So ist „Und abends mit Beleuchtung“, das erste von bisher 44 veröffentlichten eigenständigen Werken, also mein Einstieg in den Beruf der Schriftstellerin geworden. Bis ich davon leben konnte, verging allerdings noch geraume Zeit, aber davon in den nächsten Ausgaben mehr!

Karen-Susan Fessel: Und abends mit Beleuchtung. konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 1994, 288 Seiten, 12 €