Arbeit und Werk

Zum Einlesen: fünf Texte zur schriftstellerischen Arbeit Karen-Susan Fessels

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Nachwort von Karen-Susan Fessel zur neu erschienen Taschenbuchausgabe von „Ein Stern namens Mama“

An einem kalten Tag im März 1998 setzte ich mich an meinen Schreibtisch, um den Anfang meines ersten Jugendbuches – drei Bücher für Erwachsene hatte ich zuvor schon veröffentlicht – zu schreiben. Es sollte „Steingesicht“ heißen und von der 15-jährigen Leontine erzählen, die nach dem Tod ihrer Mutter zu ihrer Tante ziehen muss, weg aus Berlin in ein kleines Dorf auf dem Lande. Dort eckt sie überall an, bis sie zu allem Überfluss auch noch feststellt, dass sie auf Mädchen steht und nicht auf Jungs.

Für diese Buchidee hatte ich gerade ein Stipendium bekommen – genug Geld, um drei Monate in Ruhe daran zu schreiben. Aber an diesem Märznachmittag beschloss ich ganz spontan, den Anfang eines anderen Buches zu schreiben, das mir schon länger im Kopf herumspukte. Auch hier spielte ein Mädchen die Hauptrolle, dessen Mutter gestorben war, allerdings war das Mädchen viel jünger – erst zehn oder elf. Und die Mutter war auch nicht – wie bei Leontine – an den Folgen von AIDS gestorben, sondern an einer Krankheit, die sehr viel verbreiteter war und ist: Krebs.

Im Jahr zuvor war ein Freund von mir an Blutkrebs gestorben und hatte einen sechsjährigen Sohn und eine zehnjährige Tochter hinterlassen. Diese Tochter auf der Beerdigung zu sehen, wie sie tapfer und endlich traurig zugleich in der ersten Reihe saß und auf den Sarg blickte, das hatte mich sehr beschäftigt. Ihr war das Schlimmste passiert, was die meisten Menschen sich vorstellen kann: einen geliebten Elternteil zu verlieren.

Und während ich nun dasaß an diesem kalten Nachmittag – leicht erkältet und ziemlich verschnupft –, kämpfte eine sehr enge Freundin von mir hunderte von Kilometern entfernt um ihr Leben. Sie hatte Brustkrebs, woran viele Jahre zuvor schon meine Oma gestorben war, wie unzählige andere Frauen auch: Jede Zehnte, so sagt man, erkrankt im Laufe ihres Lebens an dieser Krankheit.

Wahrscheinlich waren es all diese traurigen Begebenheiten zusammengenommen, die mich dazu brachten, ein ganz anderes Buch zu beginnen, als ich es vorgehabt hatte. Und so tippte ich an diesem kalten Tag im März vier Wörter in meinen Computer: „Ein Stern namens Mama“. Und dann begann ich zu schreiben.

Als sich mehrere Stunden später mein Hund schwanzwedelnd um meine Beine drückte, weil es Zeit für seinen Abendspaziergang geworden war, stellte ich erstaunt fest, dass ich zehn Seiten am Stück geschrieben hatte. Ich druckte sie aus, fuhr den Computer herunter, drehte mir eine weitere Zigarette – damals war ich noch Raucherin – und ging mit dem Hund nach unten.

Ich weiß noch genau, was für ein Gefühl mich an diesem Abend bei meinem Gang durch die Straßen begleitete – eine Mischung aus Glück, Aufregung und Traurigkeit. Mir war vollkommen klar, dass ich an diesem Tag einen extrem wichtigen, bedeutsamen Schritt gemacht hatte, in meine eigene Zukunft.

Wie bedeutsam er allerdings tatsächlich sein würde, das ahnte ich damals natürlich nicht.

In den Tagen danach verschlimmerte sich meine Erkältung und wuchs sich zu einer ausgedehnten Nasennebenhöhlenentzündung aus, während ich das erste Kapitel zu Ende schrieb. Ich warf meinen Tabak fort, legte mich ins Bett, und als ich nach einer Woche wieder aufstand, ging es mir nicht nur besser, sondern ich hatte mit dem Rauchen aufgehört – und würde nie mehr damit anfangen. Das wollte ich meinem Vater erzählen, der sich das seit langem gewünscht hatte, aber ich erreichte telefonisch nur meine Mutter. Die mir sagte, dass es meinem Vater, der seit langem an einer seltenen Erbkrankheit litt, plötzlich sehr schlecht ginge.

Ich habe meinem Vater nicht  mehr erzählen können, dass ich endlich mit dem Rauchen aufgehört hatte – er war nicht mehr ansprechbar, bis zu seinem Tod wenige Wochen später. Sechs Wochen danach verlor meine Freundin den Kampf gegen den Brustkrebs, und wiederum acht Wochen später starb auch mein heißgeliebter Hund. Da hatte ich schon längst mit der Arbeit an „Ein Stern namens Mama“ aufgehört.

Es schien mir unmöglich, diese traurige Geschichte, die auf einmal noch viel mehr mit meinem eigenen Leben zu tun hatte als zuvor, zu Ende erzählen zu können. Aber dann, Monate später, tat ich es doch – in der Hoffnung, es würde mir danach besser gehen, ich könne mir vielleicht den Kummer von der Seele schreiben.

Das gelang mir zwar nicht – und ich konnte mehr als zehn Jahre nicht aus dem Buch vorlesen, aus Angst, dabei in Tränen auszubrechen –, aber es war gut, dass ich „Ein Stern namens Mama“ dann doch zu Ende brachte. Denn ich gewann damit den zweiten Platz beim „Astrid-Lindgren-Preis“ für unveröffentlichte Kinderbücher; das Buch wurde gedruckt, und zwar beim damals größten deutschen Kinder- und Jugendbuchverlag Friedrich Oetinger, und es wurde von allen meinen – mittlerweile sind es 32 – veröffentlichten Büchern das weltweit bekannteste, in viele Sprachen übersetzt, in Japan ein Bestseller. Es gibt davon eine Hörbuchfassung für Planetarien, ein vielbeachtetes Theaterstück, mehrere verschiedene Schulbuch- und Neuausgaben und zwei Drehbücher – mit einer großen Portion Glück wird mein erstes Kinderbuch vielleicht auch eines Tages als Film zu sehen sein.

Ja, gut, dass ich es trotz allem zu Ende geschrieben habe. Vor allem, weil ich immer wieder von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Post bekomme, die es gelesen haben und denen es etwas bedeutet. Sicher, es ist ein sehr trauriges Buch, und offenbar finden es ältere LeserInnen noch viel trauriger als jüngere. Aber gleichzeitig ist es auch ein Buch, das Trost spenden kann: Denn – so habe ich es damals und immer wieder danach selbst erfahren: „Das Leben ist schön“, wie es Louises Mutter im Buch kurz vor ihrem Tod sagt: „Auch wenn alles ganz traurig und düster aussieht und man weinen muss: Es gibt so viel schöne und lustige Sachen im Leben!“

Mir persönlich macht dieser Gedanke auch in dunklen Momenten Mut. Und ich hoffe, meinen LeserInnen auch.

„Steingesicht“ übrigens habe ich dann auch noch zu Ende geschrieben, und auch dieses Buch wurde dann beim Oetinger Verlag veröffentlicht und ein ziemlicher Erfolg.

Seitdem schreibe ich immer abwechselnd Bücher für Erwachsene, Kinder und Jugendliche, und ich hoffe, das auch für den Rest meines Lebens machen zu können. An Ideen wird es mir bestimmt nicht mangeln, vielleicht aber manchmal an Geld. Doch auch dann denke ich sicherlich immer gern an die Tage zurück, an denen ich begonnen habe, „Ein Stern namens Mama“ zu schreiben. Manchmal kommt nämlich das Unglück vollkommen überraschend – aber das Glück eben auch!

(aus: Christiane Hagemann: Materialien für den Unterricht zu: Karen-Susan Fessel: Ein Stern namens Mama. Überarbeitete Taschenbuchausgabe, Oetinger Taschenbuch 2016. Zum Download unter www.vgo-schule.de )

 

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Mirjam Pressler: Karen-Susan Fessel – eine Autorin mit Mut zur Auseinandersetzung

Bevor ich wusste, dass sie auch als Kinder- und Jugendbuchautorin arbeitet, war mir ihr Name schon begegnet. Meine Tochter hatte mir vor einigen Jahren ein Buch von ihr geschenkt – den Roman „Bis ich sie finde“. Karen-Susan Fessel schreibt immer noch für Erwachsene, aber dazu – zum Glück – mittlerweile auch für Kinder und Jugendliche. Sechs Bücher sind insgesamt bislang erschienen, alle im Verlag Friedrich Oetinger, alle zu unterschiedlichen Themen, aber eins haben sie gemein: Sie beschäftigen sich mit Tabuthemen. Themen wie Armut, über Krankheit, Außenseitern und Tod, und das in einer authentischen, starken, manchmal verkürzten Sprache, die sowohl unter Kindern und Jugendlichen wie auch Erwachsenen begeisterte LeserInnen findet.

„Ihre Sprache ist direkt, heftig, stark und intensiv – so versteht sie es, das Milieu der Jugendlichen und deren Welt lebendig zu machen, berichtet aber ebenso von den Defiziten der Erwachsenenwelt. Ohne Peinlichkeiten geht sie Tabus an und zeigt junge Menschen in all ihrer Widersprüchlichkeit und mit Mut zur Auseinandersetzung. Sie hat nicht nur jungen Menschen etwas zu sagen“.

Dieses Zitat aus der Rede zur Verleihung des Märkischen Stipendiums für Literatur an Karen-Susan Fessel im Jahre 2004 beschreibt sehr genau die Arbeitsweise der 41Jährigen Berliner Autorin. Sie schreibt „ohne Kitsch und Pathos“ und es gelingen ihr „Milieustudien, die Sympathie für Außenseiter wecken“ (Mannheimer Morgen).
Besonders deutlich wird dies vielleicht in dem mir liebsten Jugendbuch von Karen-Susan Fessel, dem Roman Und wenn schon!, für den sie im Jahre 2003 zum Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde.
Schon der Anfang dieses Romans hat mich begeistert: „Wer heißt denn heute noch Manfred? Keiner. Nur ich.“ In Und wenn schon! leidet der zwölfjährige Manfred, genannt Manne, vorrangig unter der Armut seiner Familie, die ihn dazu zwingt, die abgetragenen Kleidungsstücke seiner vier älteren Brüder aufzutragen. Als dann auch noch sein Lieblingsbruder Jochen bei einem vermeintlichen Raubüberfall erwischt wird, steht für die Bewohner der Kleinstadt Meppen – übrigens der Stadt, in der Karen-Susan Fessel die meiste Zeit ihrer Kindheit und Jugend aufgewachsen ist – fest, dass die Hannemanns mal wieder voll dem Klischee entsprechen: Loser und Nichtsnutze sind sie. Aber Manne will sich das nicht gefallen lassen. Für ihn geht es auch darum, ob er eigentlich stolz sein kann auf so eine Familie. Das Ende lässt vieles offen, aber die Richtung ist klar.

Familie in ihren verschiedenen Formen, auch das ist immer wieder Thema bei Karen-Susan Fessel. Ob nun die Tochter beim Vater aufwächst – wie in Lametta am Himmel, die Nichte bei der Tante – wie in Steingesicht – oder der Sohn bei einem Freund der Familie, weil die Familie durch eine Katastrophennacht auseinander gebrochen ist wie in Max in den Wolken, immer geht es für die jugendlichen Hauptfiguren auch darum, ihren Platz in der Familie, in der Welt auszuloten und die Beziehungen zu den Menschen in ihrer nächsten Umgebung neu zu definieren.

Vielen dieser so ungemein lebendig und authentisch beschriebenen Kindern und Jugendlichen geht es beileibe nicht gut – aber das ist bei Karen-Susan Fessel durchaus Programm, wie sie selbst sagt:  „Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch, aber ich schreibe viel Trauriges, Ernstes, Schwieriges. In meinen Büchern geht es fast immer um Kinder und Jugendliche, denen es nicht so besonders gut geht oder die es nicht besonders leicht haben. Ich glaube nämlich, dass es helfen kann, wenn es einem selbst nicht so gut geht: wenn man sieht, dass andere die gleichen oder ähnliche Probleme haben oder vielleicht auch viel schlimmere und dass sie daran trotzdem etwas ändern können. (…) Das Leben ist nicht immer lustig und leicht. Aber Bücher lesen kann helfen. Und wenn eines meiner Bücher auch nur einen einzigen Menschen tröstet, ihm Mut oder Freude macht oder hilft, andere Menschen besser zu verstehen, dann hat sich für mich das ganze Schreiben schon gelohnt!“ (aus: Oetinger Lesebuch, Almanach 2001/2002)

Das hat es bestimmt. In einer Zeit, in der es so oft nur um „Spaß“ geht, können wir, finde ich, dankbar sein für eine Autorin, der es um etwas Ernsthaftes geht und die es schafft, das auch noch in ansprechender, ergreifender Form darzustellen, ohne dass ihre jugendlichen Leserinnen und Leser vor dem berühmten erhobenen Zeigefinger fliehen. Hoffen wir auf noch viele weitere Bücher mit Mut zur Auseinandersetzung!

(aus: Kurt Franz/Paul Maar (Hrsg.); Leser treffen Autoren. Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Band 35. Schneider Verlag, Hohengehren 2006)

* Die Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler gilt mit ihrem umfangreichen und vielfach ausgezeichneten Werk als eine der herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Kinder- und Jugendliteraturszene.

 

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Karen-Susan Fessel:

Meine Arbeit als Kinder- und Jugendbuchautorin

[…]**  Der dieses Buch [Und wenn schon! (Verlag Friedrich Oetinger, ab 12)] sehr prägende umgangssprachliche Tonfall sorgt bei den meisten Schülern in der Regel für große Begeisterung– bei den Lehrkräften gelegentlich nicht ganz so. Sicherlich kann man, was die Verwendung der so genannten Jugendsprache betrifft, geteilter Meinung sein, unbestreitbar jedoch ist: Sie erreicht ihre Leser, genau wie die beschriebenen Problematiken. Ein junger Mann aus meiner Straße hat es mal so formuliert: „Ich steh nicht auf Lesen, eigentlich. Wenn, dann les ich nur Harry Potter. Aber Und wenn schon!, das finde ich toll. Weil es einfach mit mir zu tun hat, mit Leuten wie mir!“ Das war für mich übrigens eines der allergrößten Komplimente, die ich bis heute je für meine Arbeit bekommen habe.

Wer wissen will, wie es mit Manfred weitergeht, der kann das in Ausgerechnet du (Oetinger 2003, ab 14) nachlesen, wo die Protagonisten wieder auftauchen, allerdings als Nebenfiguren. In der Hauptsache geht es darin aber um drei Mädchen um die fünfzehn, die sich so sehr langweilen, dass sie sich Michel aus der Parallelklasse aussuchen und so lange mobben, bis das gehörig schief geht. Spiegelbildlich finden wir in diesem Roman die gutsituierte bürgerliche Welt, hinter deren heilen Fassade sich wahre Abgründe an Einsamkeit auftun, als Gegenentwurf zu Manfred Hannemanns von Armut und Ausgrenzung geprägter Herkunft, was sich auch in der Sprache der Protagonisten niederschlägt.
Beide Romane, Ausgerechnet du wie auch Und wenn schon!, sind als Schulbuchausgaben [Klett-Verlag bzw. Schroedel-Verlag, mit umfangreichen Materialien] erhältlich und daher insbesondere für die Klassenlektüre geeignet.
Persönlich finde ich übrigens, dass man die vor allem in Und wenn schon! verwendete Umgangs- und Jugendsprache grundsätzlich als Chance nehmen sollte, kritisch darüber zu diskutieren. Oftmals entstehen nach den Schullesungen höchst spannende Diskussionen über den aktuellen Sprachgebrauch und seine Hintergründe – für mich, die ich mich auch als Pflegerin, Bewahrerin und vor allem Anhängerin der deutschen Sprache betrachte, ist das immer sehr interessant und fruchtbar.
Meine Beschäftigung mit der Sprache, mit Erzählen und Lesen rührt weit zurück – ich gehöre zu den Menschen, die das Glück haben, sehr früh zu erkennen, was sie im Leben einmal machen wollen. Ich habe zwei ältere Geschwister, die natürlich vor mir zur Schule gingen, und da ich nicht im Kindergarten war, habe ich dann mit ihnen – quasi aus Langeweile – zusammen gelernt, wenn sie nach der Schule nach Hause kamen. So kam es also, dass ich schon sehr früh, mit fünf Jahren, recht gut lesen und schreiben konnte. Mein erstes „Buch“ war ein Pixi-Buch – Rumpelstilzchen, und es bescherte mir ein wahres Aha-Erlebnis: Für mich war damals sofort klar, dass es das Schönste sein müsste, wenn ich mir auch mein Leben lang Geschichten ausdenken und sie aufschreiben würde. So ist das immer geblieben, ich habe mir für mich in der Tat nie wirklich einen anderen Beruf denken können.
Natürlich sagen einem alle Menschen, dass man vom Schreiben nicht leben kann, also habe ich nach dem Abitur in Meppen – der Stadt, in der Manfred Hannemann lebt – in Berlin studiert: Theaterwissenschaften, Germanistik und Französisch, um ein „zweites Standbein“ zu haben. Aber dann habe ich mich entschlossen, ins kalte Wasser zu springen und meinen ersten Roman zu schreiben. Zehn Jahre habe ich mir gegeben, um ein Buch zu veröffentlichen. Die zehn Jahre sind längst um, das erste Buch – ein Roman für Erwachsene mit dem Titel Und Abends mit Beleuchtung – erschien 1994, und seither habe ich insgesamt achtzehn weitere Bücher veröffentlicht, Romane, Erzählbände, ein Nachschlagewerk.
Nachdem ich zunächst nur für Erwachsene geschrieben hatte, las ich eines Tages in einer Zeitschrift von einem Wettbewerb für unveröffentlichte Kinder- oder Jugendbuchmanuskripte. Spontan begann ich, zu einem Thema zu schreiben, das mir schon länger im Kopf herumging: Entstanden ist daraus Ein Stern namens Mama (Oetinger 1999, ab 10), mein erstes Kinderbuch, das die Geschichte der 11Jährigen Louise erzählt, deren Mutter an Brustkrebs stirbt. Ich hatte gerade ein Drittel geschrieben, als sehr plötzlich mein eigener Vater starb, sechs Wochen später eine meiner besten Freundinnen an Krebs und dann noch mein heißgeliebter Hund. Jedes Mal legte ich meinen im Entstehen begriffenen Kinderroman weg, entschloss mich aber dann doch, weiter zu schreiben – eine der besten Entscheidungen meines Lebens, wie ich heute finde, denn das Buch wurde weltweit mein bekanntestes. Es ist in mehrere Sprachen übersetzt, in Japan ein Bestseller geworden und in Deutschland auch als Theaterstück zu sehen, die Verfilmung befindet sich in der Vorbereitung.
Miteinander sprechen, kommunizieren, das ist, wie man [bei der Lektüre des Buches] sicherlich merkt, nicht nur Louise im Roman, sondern auch mir sehr wichtig. Das Schlimmste an Krisensituationen jedweder Art ist für Kinder und Jugendliche oft das beredte Schweigen der Erwachsenen. Aber sie bekommen oft viel mehr mit, als Erwachsene meinen, und sie verkraften auch mehr – was sich für mich nicht zuletzt auch immer wieder daran zeigt, dass es viele Erwachsene gibt, die sagen, man könne dieses traurige Buch Kindern nicht zumuten.
Meine Erfahrung aber ist, dass bislang noch jeder Erwachsene, ob Mann oder Frau, mir gesagt hat, dass er oder sie bei der Lektüre des Buches geweint habe. Bei Lesungen erlebe ich das immer wieder – Kinder und Jugendliche aber weinen fast nie. Das zeigt mir, dass wir Erwachsene oft meinen, Kindern und Jugendlichen Dinge nicht zumuten zu können, die wir selbst nicht ertragen, sie aber sehr wohl. Die vielen Briefe, die ich von Kindern und ganzen Schulklassen (das Buch wird ab 10 Jahren bzw. der vierten Klasse empfohlen) dazu erhalten habe, bekräftigen das.

Auch Leontine in meinem zweiten, 2001 erschienen Jugendbuch Steingesicht hat den Tod ihrer Mutter zu verkraften. In der Folge wird Leo aus der Großstadt Berlin aufs Land zu ihrer Tante verschlagen, wo sie überall nur aneckt, erst recht, als sie merkt, dass sie sich mehr für Mädchen als für Jungs interessiert. Es geht aber ziemlich gut aus für die 15Jährige – auch das ist mir grundsätzlich wichtig: dass ich meine Leserinnen und Leser nicht hoffnungslos zurücklasse. Ich schreibe zwar über problematische Themen, aber mir ist es ein Anliegen, zu zeigen, dass es immer auch Lösungsmöglichkeiten gibt – man muss sie nur suchen, und oft hilft allein schon das Bewusstsein, nicht allein zu sein mit seinen Problemen. Andere haben sie auch! Steingesicht empfiehlt sich als Lektüre ab der 8./9. Klasse, in Taiwan ist dieses Buch übrigens zur Zeit Schullektüre für die neunten Klassen.
Verlust und der Umgang damit ist, wie vielleicht deutlich geworden ist, eines der großen Themen, die mich in meiner schriftstellerischen Arbeit immer wieder bewegen – auch in Lametta am Himmel (Oetinger 2004, ab 10) muss die Hauptperson, die elfjährige Kaya, ohne Mutter aufwachsen. Die allerdings ist aus ihrem Dorf im Ostharz vor Jahren mit einem Westmusiker durchgebrannt, und seither schiebt Kayas Vater einen brodelnden Hass auf alle Wessis und Künstler. Schwierig wird das, als eines Tages drei Maler in die verfallene Scheune einziehen und Kaya, die wegen eines Geburtsfehlers, eines verwachsenen Auges, von den anderen Kindern verspottet wird, sich mit ihnen anfreundet. Lametta am Himmel betrachtet also unter anderem die Ost-West-Problematik aus Kindersicht, ein Thema, das zusehends in Vergessenheit gerät. Bei einer kürzlichen Lesung im Saarland wussten von knapp hundert Zehnjährigen gerade noch drei, dass Deutschland mal zweigeteilt war.
In der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands wiederum lebt Max, der Protagonist meines neuesten Jugendbuches Max in den Wolken (Oetinger 2005, ab 14), der seinerseits einen ganz eigenen Verlust verkraften muss.
Am Ende der [ersten] Szene [im Buch] ist ein Mensch tot. Und Max macht sich auf die schwierige Suche, herauszufinden, was eigentlich passiert ist und vor allem: Warum? Dabei läuft ihm im wahrsten Sinne des Wortes ein Mädchen über den Weg, Hanja, die seine erste große Liebe wird. So ist dieser Roman nicht nur eine Krimi-, sondern auch eine Liebesgeschichte, ein Buch über Familie, Trauer, Tod, Verlust, Freundschaft und die Hoffnung auf Glück. Und das werden auch für mich immer die wichtigsten Themen bleiben, privat wie auch beruflich – was sich für mich ohnehin nicht trennen lässt.

*Gekürzte Fassung eines Vortrages vom Mai 2006, gehalten anlässlich des Seminars „Leser treffen Autoren“ der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Volkach. Eine längere schriftliche Fassung findet sich in: Kurt Franz und Paul Maar (Hrsg.), Leser treffen Autoren. Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Band 35, Schneider Verlag, Hohengehren 2006
**[Anmerkungen durch die Autorin]

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Karen-Susan Fessel:

Bücher waren von Anfang an meine schönsten Geschenke

Manchmal kann ich es immer noch nicht so ganz glauben, aber es ist wahr: Ich bin tatsächlich Schriftstellerin geworden! Ich mache das, was ich mein ganzes Leben lang machen wollte – ich schreibe Bücher, und ich kann sogar davon leben.

Angefangen hat es, als ich fünf Jahre alt war. Da gingen mein Bruder und meine Schwester schon zur Schule, und wenn sie nach Hause kamen, setzte ich mich mit ihnen an den Tisch und machte mit beim Hausaufgabenmachen. So habe ich lesen gelernt, und schon beim ersten Buch, das ich selber lesen konnte – „Rumpelstilzchen“ -, da dachte ich, dass es das Schönste und Aufregendste und Geheimnisvollste auf der ganzen Welt sein muss, sich Geschichten auszudenken und sie für andere Menschen aufzuschreiben. Und das finde ich immer noch!

Bei uns zu Hause hatten wir nicht besonders viel Geld. Meine Eltern hatten beide das Gymnasium nicht geschafft und sie konnten uns Kindern nicht viel Bildung mitgeben, aber was wir bekamen, das waren Bücher. Meine Mutter fuhr vor unseren Geburtstagen immer mit dem Fahrrad in die Stadt, setzte sich in die Buchhandlung (damals gab es dort noch eine richtige Lese-Ecke, wo man stundenlang sitzen und lesen konnte) und las und las und las. Sie las alles selbst vorher durch, was sie uns schenkte, und ich finde, sie hat meistens wirklich gute Bücher ausgesucht.

Von Anfang an waren Bücher meine schönsten Geschenke, und so ist es heute noch. Mein Elternhaus ist voll gestopft mit Büchern, sogar auf dem Klo stehen Bücherregale, und auch bei mir und meinen Geschwistern ist das so.
Ich wusste also schon immer, dass ich nichts anderes außer Schriftstellerin werden wollte. Aber ich wusste nicht, wie man das wird. Und da mir kein Mensch das sagen konnte, habe ich dann einfach damit angefangen, es mir selbst beizubringen.
Mein erstes Buch hieß „Der Fuchs und der Hase“ und es bestand aus lauter Tiergeschichten. Ich hab es mit meiner kleinen gelben Reiseschreibmaschine geschrieben, die ich zum siebten Geburtstag bekommen hatte (das war allerdings auch ein sehr, sehr schönes Geschenk!). Ich habe Bilder dazu gemalt, zu jeder Geschichte eins, und die Blätter habe ich mit der Puppen-nähmaschine von meiner Schwester zusammengenäht. Später habe ich es auf dem Flohmarkt verkauft, für eine Mark. Tja, heute gäbe ich viel drum, es wiederzuhaben.

Und dann habe ich immer weitergeschrieben, viele Geschichten, und studiert habe ich, Deutsch und Französisch und Theaterwissenschaft, weil ich dachte, ich könnte im Zweitberuf vielleicht Regisseurin werden. Denn alle sagten immer, dass nur ganz wenige es schaffen, Schriftsteller zu werden, und dass man sowieso nicht davon leben kann, nur ganz, ganz, ganz wenige Leute, und die sind sooooo berühmt, wie kein normaler Mensch es je wird. Aber das stimmt nicht. Man muss ganz viel daran arbeiten und braucht viel Glück und Leute, die einen gut finden und unterstützen, und man braucht wohl auch einfach Talent. Aber es geht eben doch!

Und deshalb habe ich meinen Zweitberuf bis jetzt gar nicht gebraucht. Aber gut war das Studieren trotzdem, denn man kann ja doch etwas fürs Schriftstellern lernen: wie man seine Gedanken besser ordnet und wie man eine gute Inhaltsangabe macht und wie man eher weniger Worte nimmt anstatt viele, wenn man nur eine kleine Sache erzählen will.
Und als ich fertig studiert hatte, bin ich einfach ins kalte Wasser gesprungen und habe nachts bei der Post gearbeitet und Briefe sortiert und tagsüber mein erstes Erwachsenenbuch geschrieben, und das ist dann auch angenommen worden von einem Verlag, und so ging es dann weiter. Erst habe ich eine ganze Reihe von Büchern für Erwachsene geschrieben, und als ich gemerkt habe, dass das wirklich das Richtige für mich ist, da habe ich dann auch Lust bekommen, für Kinder und Jugendliche zu schreiben.
Weil Bücher für mich doch so wichtig gewesen waren, als ich ein Kind war. Ich wollte schon immer wissen, was andere Leute denken und fühlen. Denn jeder von uns hat ja nur sein eigenes Leben und seine eigenen Gedanken, aber wenn man Bücher liest, kann man noch ganz viele andere Leben dazu erleben und viele andere Gedanken denken und ganz viel über andere Menschen erfahren, und das ist das Spannendste, was es gibt auf der Welt! Jedenfalls für mich.

Und deshalb schreibe ich auch keine Fantasiebücher, sondern Geschichten, die so wirklich passieren könnten. Aus dem wirklichen Leben. Und das ist ja nun nicht gerade immer lustig und leicht und heiter. Nein, im Gegenteil!
Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch, aber ich schreibe viel Trauriges, Ernstes, Schwieriges. In meinen Büchern geht es fast immer um Kinder und Jugendliche [und Erwachsene], denen es nicht so besonders gut geht oder die es nicht besonders leicht haben.
Ich glaube nämlich, dass das helfen kann, wenn es einem selbst nicht so gut geht: wenn man sieht, dass andere die gleichen oder ähnliche Probleme haben oder vielleicht auch viel, viel schlimmere und dass sie daran trotzdem etwas ändern können.
Daran glaube ich: Auch, wenn es einem noch so schlecht geht und man traurig ist oder unglücklich oder krank, man kann immer etwas zum Besseren ändern. Ob allein oder mit anderen zusammen. Und manchmal hilft dabei auch ein Buch!

Als ich gerade mein erstes Kinderbuch [„Ein Stern namens Mama, Oetinger 1999] angefangen hatte zu schreiben, ist kurz darauf mein Vater gestorben. Das war ganz schön schwer, denn mein erstes Kinderbuch sollte ja die Geschichte von Luise erzählen, deren Mutter an Krebs stirbt. Mein Vater ist zwar nicht an Krebs gestorben, sondern an einer Blutkrankheit, aber kurz darauf ist eine meiner besten Freundinnen an Krebs gestorben und ein bisschen später starb dann noch mein Hund, den ich sehr lieb gehabt hatte. So musste ich mein Buch dreimal unterbrechen, aber am Ende habe ich es doch noch fertig geschrieben. Ich habe es meinem Papa gewidmet.

Wie gesagt, das Leben ist nicht immer lustig und leicht. Aber Bücher lesen kann helfen. Und wenn eines meiner Bücher auch nur einen einzigen Menschen tröstet, ihm Mut oder Freude macht oder hilft, andere Menschen besser zu verstehen, dann hat sich für mich das ganze Schreiben schon gelohnt!
(aus: Oetinger Lesebuch, Almanach 2001/2002, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2001 [Anmerkungen von der Autorin])

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Karen-Susan Fessel

Leseerlebnisse

 

Da ich sowohl für Kinder und Jugendliche wie auch für Erwachsene schreibe, habe ich ganz unterschiedliche Erfahrungen mit öffentlichen und auch Schullesungen gemacht. Allen gemein ist aber: Es macht mir ungeheuer viel Spaß, aus meinen Büchern zu lesen und mit dem Publikum zu diskutieren.

Natürlich macht es einen Unterschied aus, ob man als Erwachsener freiwillig zu einer Lesung oder als Schüler sozusagen „zwangsverpflichtet“ wird, aber ich glaube guten Gewissens sagen zu können, das meine Lesungen dem weitaus größten Teil meines Publikums Freude gemacht haben. Und mir persönlich auch! Ich lese ausgesprochen gern vor, (…) was eventuell ja auch daher rührt, dass ich in der 6. Klasse den jährlichen Vorlesewettbewerb an meiner Schule gewonnen habe – der zweite Sieger ist übrigens auch Schriftsteller geworden …

In all den Jahren meiner „Karriere“ als Vorleserin kann ich mich nur an höchstens drei Schullesungen erinnern, die mir nicht besonders gefallen haben (eine davon war übrigens vor einer achten Klasse eines süddeutschen Elitegymnasiums. Nie zuvor und nie danach habe ich so uninteressierte, freche und unverschämte Schüler erlebt wie an dieser Schule. Und einen Lehrer, der sich hinter der letzten Bank wegduckte). Dafür an hunderte schöne, spannende, interessante und berührende Lesungen. Immer in Erinnerung haften wird mir eine Lesung vor einer Schweizer Kleinklasse, in der die lernschwachen SchülerInnen zusammen unterrichtet werden. Der Lehrer bat mich vorher, mir nichts daraus zu machen, wenn die SchülerInnen nicht zuhörten und lärmten, sie seien das Lesen nicht gewohnt und verstünden aufgrund von Sprachproblemen oft auch nur wenig.

Aber die Lesung war ein voller Erfolg, für alle Beteiligten. Alle 13 SchülerInnen hörten wie gebannt zu, als ich aus „Und wenn schon!“ vorlas – mit verminderter Lesegeschwindigkeit, wie in der Schweiz oder vor des Deutschen nicht sonderlich mächtigem Publikum ohnehin üblich –, und hinterher kamen Fragen bis weit über die angesetzte Lesungszeit hinaus. Aus den Fragen wurde dann ein richtig intensives Gespräch zwischen den Schülern, dem Lehrer und mir. Das war wirklich ein schönes Leseerlebnis!

Ohnehin lese ich gern vor gemeinhin als schwierig empfundenem Publikum, als was alle Klassen ab der 8. gelten. Sicherlich ist es unkomplizierter und entspannender, vor begeisterten Zehnjährigen zu lesen, die einem nahezu an den Lippen hängen und hinterher wissen wollen, ob man ein Lieblingstier hat und verheiratet ist, als sich einer gelangweilt oder genervt dreinblickenden Schar von breitbeinig dasitzenden Jungmännern und spätpubertierenden Mädchen zu präsentieren, und das auch noch mit dem „Uncoolsten“, was es derzeit gibt – einem Buch!
Aber umso spannender finde ich es, wenn dann der Bann bricht und die Gesichter der ZuhörerInnen sich öffnen, spätestens dann, wenn sie merken, dass es in meinen Büchern nicht um mich, sondern um sie geht, dass sie hinterher tatsächlich fragen dürfen, was sie wollen, und dass ich versuche, ihnen wirklich zu antworten.

Und darum geht es letztendlich auch in meiner Arbeit: ins Gespräch miteinander zu kommen, sich ein bisschen zu öffnen für Neues, den anderen und seine Standpunkte kennen zu lernen und vielleicht auch zu akzeptieren, zumindest aber zu tolerieren. Bücher können den Weg dahin ebnen. Und Lesungen auch!

Aus: Kurt Franz/Paul Maar (Hg.), Leser treffen Autoren. Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kinder und Jugendliteratur, Band 35. Schneider Verlag, Hohengehren 2006

 

5 Kommentare zu Arbeit und Werk

  1. ich möchte gerne etwas über ihren familien zustand erfahren.
    also seihen sie bitte so freundlich und schreiben mir.

  2. franzi sagt:

    Liebe
    Karen-Susan-Fesse

    Ich mag ihr Buch „Sin Stern namens Mama“
    Bitte schreiben sie in ihren Block wie alt und wie vielr kinder sie haben rein!!! (und ihren Familien-stand rein)

    Mit Freundlichen Grüßen
    Franzi

  3. Hallo, habe gerade deine Zeilen gelesen und nehme sie persönlich: mein erstes Buch mit einer Mitautorin erscheint bald bei cornelsen und ist ein Fachbuch für Erzieherinnen. Ich erkenne mich voll wieder in deinen Worten, was Schreiben und Herkunft etc. angeht und würde megagerne Kontakt mit dir haben. Auf unserer Kindergartenhomepage kannst du mich und auch meine Frau (Bianca Friese) sehen, wir sind ein mutiges Frauenpaar, das mit Gottes Segen zeigen möchte, dass Herzensbildung zu Weltverbesserung beitragen kann. Ich möchte gerne Romane für Jugendliche und für Erwachsene schreiben. Na ja, ein erstes Buch ist ein Anfang, hoffe ich.

  4. Rebecca sagt:

    Hey,
    ich wollte nur sagen ich mache jz bald eine Buchvorstellung über ihr Buch Lametta am Himmel. Das ist das beste Buch was ich je gelesen habe. Und das mindestens hundertfach.
    Liebe Grüße

  5. Dama widianti sagt:

    Hai, ich bin Dama, komme ich aus Indonesia. Ich benutze Ihr Buch „und wenn schon!“ für meine Thesis aber habe ich eine Frage. wenn genau dann die Einstellung der Zeit, in der Geschichte hat? Danke. Ich warte auf Ihre Antworte sofort 🙂

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