Die Monatsbotin Oktober 2018 // Notizen aus dem vierten Stock

Hier kommt die neunundfünfzigste Ausgabe der Monatsbotin von Karen-Susan Fessel – mit Notizen, Gedanken und Terminen vom Schreibtisch aus dem vierten Stock in Berlin-Kreuzberg!

Wem sie gefällt: liebend gern weiterempfehlen! Eine kurze Mail mit dem Hinweis „Monatsbotin gewünscht“ an kontakt@karen-susan-fessel.de – und schon liegt sie Monat für Monat im virtuellen Briefkasten …

Viel Spaß beim Lesen wünscht Karen-Susan Fessel!

Was war?

Ein wunderschöner, spannender und auch anstrengender Monat September, prall gefüllt mit Veranstaltungen, Arbeit, Höhen und Tiefen, liegt hinter mir. Der mit einer einwöchigen Lesereise in den Norden begann: Zunächst stand am 1. September eine Lesung aus „Mutter zieht aus“ in der Hamburger Frauenbibliothek an, im Rahmen der fünften Langen Nacht der Literatur. In den am Ende einer steilen Treppe in den ersten Stock gelegenen Räumen las ich anno 2009 schon einmal, damals vor eher spärlichem Publikum aus „GG – das Grundgesetz erklärt“. Diesmal aber strömten die Zuhörerinnen so zahlreich herbei, dass irgendwann die Tür zubleiben musste – aber nicht, bevor ich nach einer letzten kleinen Runde vor Lesungsbeginn nicht noch einer älteren Dame den Rollator hochgetragen hatte. Das passte natürlich perfekt zum Thema, und das Publikum diskutierte hinterher auch noch lange und mit viel Elan über das Älterwerden und seine Tücken – aber auch Möglichkeiten …

Nach diesem gelungenen Auftakt ging es in rascher Folge weiter: Am 4. las ich in Mildstedt im Kirchspielkrug, wo mir ein monatlicher Bridge-Abend im selben Hause zunächst starke Konkurrenz zu machen schien, aber dann füllte sich das Restaurant doch noch zur Gänze. Tags drauf ging es nach Heide in die Museumsinsel Lüttenheid, ein sehr schöner, historischer Ort, an dem ich dann am folgenden Morgen auch noch zwei Schulklassen mit „Frieda Fricke“ beglücken durfte. Die Schleswig-Holsteiner Dritt- und Viertklässler*innen konnten dann auf den Bildtafeln im Lesesaal alte Fotos von ebensolchen Reetdachhöfen bestaunen, wie sie von Frieda und Mitja in den beiden Büchern bewohnt werden. Eine wunderbar passende Kulisse also!
Weiter ging es am 6. in die Bücherei Leck, wo ein volles Haus wieder „Mutter zieht aus“ lauschte. Im nachfolgenden Gespräch zeichnete sich ab, was ich auf den ersten Lesungen und aus sonstigen Rückmeldungen bereits erfahren habe: Die einen bewegt das Buch, weil sie – oder ihre Mütter und Väter – ähnliche Kriegskind- und Fluchterfahrungen gemacht haben, andere machen aus genau denselben Gründen einen Bogen darum, weil es ihnen zu nahe kommt. Und viele Zuhörer*innen kaufen das Buch, um es ihren betagen Müttern zu schenken, oft mit einem mulmigen Gefühl: Wird sie sich darin wiederfinden – und deshalb gar ein wenig Trost finden? Oder weckt das Buch womöglich unliebsame eigene Erinnerungen?

Ich freue mich über jedwede Resonanz und bin noch nie so gespannt darauf gewesen, das stelle ich jetzt schon fest. Sicher, weil „Mutter zieht aus“ eben auch einen ganz persönlichen Bezug hat.

Alle Lesungen im Kreis Nordfriesland übrigens wurden von den Gleichstellungsbeauftragten der jeweiligen Städte und Kreise organisiert, teils in Kooperation – in Heide mit der VHS, in Leck der Landfrauenverein und in Westerland auf Sylt, der letzten Lesung der Rundreise, die Bücherei. Hier fand sich dann am 7. September zwar nur ein knappes Dutzend Zuhörer*innen ein, aber das tat der angenehmen Atmosphäre keinen Abbruch.

Das war dann in Haren/Ems am 20. auch der Fall, diesmal aber wieder vor zahlreichem Publikum. In die Buchhandlung Kremer passte kein weiterer Stuhl mehr hinein, und die Zuhörer*innen, darunter der von der Buchhandlung initiierte Lesekreis, der das Buch vorab gelesen hatte, hatten sichtlich Freude an der Lesung und dem langen, sich daran anschließenden Werkstattgespräch.

Wiederum nur ein Dutzend Zuhörer*innen lauschten dann bei der letzten Lesung des Monats in der Berliner Stadtteilbücherei Marienfelde den Auszügen aus „Mutter zieht aus“; der Abend war dennoch dank der vielen Fragen ein rundum gelungener.

Fazit: Die Anzahl der Zuhörer*innen lässt sich weder voraussagen noch ist sie entscheidend für die Wirkung einer Lesung. Aber das ist keine neue Erkenntnis – schon vor knapp 30 Jahren, als ich den kürzlich verstorbenen Berliner Professoren und Autoren Horst Bosetzky (Pseudonym: -ky) im Auftrag des Berliner Stadtmagazins Zitty interviewte, klagte er, der sonst stets vor vollem Hause las, über eine kurz zurückliegende Lesung in den (damals noch „neuen“ Bundesländern, bei der kein einziger Zuhörer kam, die herbeigeeilte Journalistin wieder ging und zu allem Überfluss der junge Buchhändler noch ausgiebig mit Bosetzkys mitgereister Ehefrau flirtete. Wenn es also solch arrivierten Autoren passiert, dass niemand zu ihren Lesungen kommt, dachte ich damals und denke es noch heute, dann muss ich mich über derlei Erlebnisse niemals grämen.

Volles Haus hatte ich aber dann auch noch ein weiteres Mal, und zwar bei zwei Lesungen in der sehr schön gestalteten Stadtbibliothek Eberswalde, wo vier achte und neunte Klassen der Jugendakademie interessiert Auszügen aus „Und wenn schon“, „Steingesicht“, „Alles ist echt“ und der soeben im Querverlag neu erschienenen Taschenbuchausgabe von „Liebe macht Anders“ lauschten. 

Und sonst? Natürlich machte ich auch das, was die Grundlage meines Berufes bildet: Schreiben! An meinem neuen Roman, dem ich mittlerweile den dritten Arbeitstitel gegeben habe – genauso, wie nun sämtliche Hauptpersonen andere Namen tragen. Das steht sicherlich symptomatisch für den sehr anspruchsvollen und nicht einfachen Schreibprozess; gut sechzig Seiten sind nun in der Rohfassung fertig, es waren auch schon mal doppelt so viele, die aber wieder verworfen wurden. Nicht alles fließt einfach so glatt aus der Feder, aber das gehört eben einfach dazu. Und am Ende zählt ohnehin nur, was zwischen den Buchdeckeln steht …

Und noch was war: natürlich das Preisrätsel des letzten Monats! Die Einsendungen waren so zahlreich wie noch nie zuvor, und das Erstaunliche daran aber: Niemand hat auf Anhieb alle drei Fragen richtig beantwortet; ALLE, aber auch wirklich alle, beantworteten nur zwei Fragen (und die auch nicht immer richtig!). Ich habe mir den Text zahllose Male durchgelesen, aber warum kein einziger Einsender diese drei Fragen erkannt und beantwortet hat, bleibt mir wohl für immer ein Rätsel. Immerhin schickten Stefanie S. und Michael H., beide aus Berlin, zeitgleich die ersten beiden richtigen Antworten auf die ersten beiden Fragen und reichten dann wiederum zeitgleich auch die Antwort auf die dritte Frage nach. Deshalb bekamen sie auch beide ein Exemplar des nagelneuen Bilderbuches „Ein Stern namens Mama“, soeben im psychatrie-Verlag erschienen. Hier nochmal die Preisfrage:

Wann und in welchem Verlag ist die Erstausgabe von „Ein Stern namens Mama“ erschienen, und wer schuf das Titelbild?

Sind doch drei Fragen, oder? Die Antworten übrigens: Die Erstausgabe erschien 1999 im Verlag Friedrich Oetinger, und der Illustrator Jens Rassmus gestaltete das Titelbild.

Und was kommt?

Ein hoffentlich goldener Oktober – mit vielen neuen Seiten meines neuen Romans, einer Privatreise zu fünft mit Hund nach Danzig und einer Reihe von Lesungen. Den Anfang macht zu meiner Freude eine neuerliche Einladung ins malerische Geislingen an der Steige, wo ich in der Stadtbücherei vom 10. bis zum 12. ein halbes Dutzend Mal aus diversen Kinder- und Jugendbüchern vorlesen werde.

Dann steht die erste öffentliche Lesung in Meppen, meiner Heimatstadt und immer noch der Wohnort meiner Mutter, auf dem Programm. Passend zu „Mutter zieht aus“, in dem sie ja die Hauptrolle spielt und auch das Engagement in der Meppener Kirchengemeinde erzählt wird, lese ich am 16. Oktober im Gemeindesaal der evangelischen Gustav-Adolf-Kirchengemeinde, und die Hauptperson des Abends wird natürlich dabei sein.

Weiter geht es am 18. in die Kasseler Zentralbibliothek; am 27. ist dann nochmal das Emsland dran, wo ich zum Auftakt eines sich anschließenden, von der örtlichen Journalistin Susanne Risius-Hartwig  geleiteten Schreibworkshops in der Historisch-Ökologischen Bildungsstätte aus „Mutter zieht aus“ vortrage.

Dazwischen laufen natürlich auch meine eigenen Onlineworkshops weiter, die so manches mal höchst ansehnliche Früchte tragen: Frisch erschienen ist zum Beispiel der wunderbar locker erzählte Roman „Dora und die Revolutionvon Anja Hinrichs, der die Geschichte der Novemberrevolution 1918 ganz neu und ungewöhnlich erzählt – aus der Sicht einer politisch höchst aktiven Arbeiterin nämlich …

Einen goldenen Oktober wünscht Karen-Susan Fessel!

Öffentliche Termine im Oktober:  16. Oktober, 19.30h, Jugend- und Gemeindesaal, Herzog-Arenberg-Straße 14, 49716 Meppen: Lesung aus „Mutter zieht aus“ / 18. Oktober, 19h, Zentralbibliothek der Stadt Kassel, Obere Königsstraße 3 Haupteingang auf der Seite, Fünffensterstraße, 34117 Kassel: Lesung aus „Mutter zieht aus“ / 27. Oktober, HÖB, Spillmannsweg 30, 26871 Papenburg: Lesung aus „Mutter zieht aus“

Online Workshops: Die neuen Onlineworkshops „Mein Buch“, „Biografisches Schreiben“ und der „Kreativ-Quickie“ starten allesamt am 4. Oktober; Informationen und Anmeldung auch für das Einzelcoaching unter www.karen-susan-fessel.de/seminare

Ausgelesen Barbara Sichtermann: Pubertät – Not und Versprechen / Nicht nur für Menschen mit Pubertierenden im Haushalt dürfte ja die Frage interessant sein, was sich im Gehirn Heranwachsender verändert und merkwürdige, nahezu unerklärliche Verhaltensweisen hervorruft. Das erklärt die Sozialwissenschaftlerin Sichtermann hintergründig und sehr anschaulich; schade nur, dass ihre Sichtweise sich auf eine streng binäre Geschlechterauslegung beschränkt. Haften geblieben ist mir aber unauslöschlich ihre These, dass mit Beginn der Pubertät die Erziehung abgeschlossen sei und Eltern nur noch als freundliche Begleiter aus der Ferne agieren sollten. Ob das frohe Aussichten für betroffene Eltern sind? // Tuba Sarica: Ihr Scheinheiligen! Doppelmoral und falsche Toleranz – die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen // Wer sich einen aufgeschlossenen und positiven Blick auf die bisherige Integration unserer deutschtürkischen Mitbürger*innen bewahren möchte, sollte dieses Buch nicht lesen. Höchst frustrierend ist die Bilanz der Medienkulturwissenschaftlerin Sarica, die allerdings leider ein wenig zu sehr ins Persönliche abdriftet. So gerät dieser Aufruf an ihre türkischstämmigen Zeitgenossen und deutsche Multi-Kulti-Fans vorrangig zu einer wütenden Abrechnung mit der eigenen Familie und Umgebung; ein wenig mehr innere Distanz und Sachlichkeit hätte dem Buch, das sich bestens dazu eignen würde, vor allem unter Deutschtürken etwas zu bewegen, gut getan. Aber ob die es überhaupt lesen werden? So wie Sarica sie beschreibt, wohl leider kaum.  // Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders / Ein schmales Werk, ungemein lesenswert: Timm zeichnet anhand seiner Erinnerungen und der übriggebliebenen Habseligkeiten seines im Krieg gefallenen älteren Bruders die Geschichte dessen verlorener Generation nach. Was hat den durchschnittlichen jungen Deutschen dazu bewogen, kurz vor seinem Ende noch in den Krieg zu ziehen und mehrheitlich als Kanonenfutter zu enden? Timm beschreibt zugleich eine nun fast ausgestorbene Generation, die kommenden Generationen museumsreif erscheinen mag – die Generation seiner Eltern, sprachlos, wenig kommunikativ. Die Generation des großen Schweigens, die im vollkommenen Schweigen endet. // Markus Feldenkirchen: Die Schulz-Story. Ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz. / Martin Schulz, 2017 spektakulär gescheiterter Kanzlerkandidat, wird von Feldenkirchen auf eine sehr eindringliche und respektvolle Art über ein Jahr begleitet und porträtiert. Ein historisches Zeitdokument, das vor allem die Frage beleuchtet, wie menschlich ein Politiker in den Mühlen der Macht überhaupt noch bleiben kann. // Julia Latscha: Lauthals Leben. Von Lotte, dem Anderssein und meiner Suche nach einer gemeinsamen Welt / Lotte, langersehntes Wunschkind, hat einen schweren Start ins Leben. Der Sauerstoffmangel während der Geburt macht aus dem bis dahin gesunden Fötus ein schwerstbehindertes Kind, das seinen Eltern mehr als das Erträgliche abverlangt und sie immer wieder vor die Entscheidung stellt, das Kind in ein Heim zu geben. Sie entscheiden sich immer wieder dagegen und für ein gemeinsames Leben, aber das ist und bleibt Schwerstarbeit, in jeder Hinsicht, und es gelingt nur teilweise. Julia Latscha erzählt davon auf eine derart spannende Art und in derart gekonnter Sprache, dass ich liebend gern das Doppelte und Dreifache des Umfangs verschlungen hätte. Latscha eröffnet neue Welten und Sichten; von dieser Frau möchte ich gern noch viel, viel mehr lesen – am liebsten auch den einen oder anderen Roman. Hoffentlich lässt Lotte ihr ab und zu die Zeit dazu – wenn Latscha das überhaupt will.

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